Welche Ereignisse haben Freiburg im vergangenen Jahr bewegt und was kommt im neuen Jahr auf die Stadt zu? In unserem traditionellen Jahresbilanz-Interview mit dem Freiburger Oberbürgermeister stellt sich Amtsinhaber Martin Horn den Fragen von Redaktionsleiter Matthias Joers – und spricht auch darüber, mit welchen Gedanken er auf den kommenden OB-Wahlkampf blickt.
Was war 2025 das, was Sie am meisten bewegt hat?
Horn: Oh, da gibt’s so vieles. Ich erinnere mich an 55 Jahre Diakonieverein in Weingarten. Das war ein freudiger Tag. Aber auf der Veranstaltung haben auch Betroffene gesprochen: Ein Mann, der berichtete, wie sein Schwimmlehrer ihn als Kind missbraucht hatte. Eine Frau, die als Geflüchtete herkam, und jemand, der häusliche Gewalt erlebt hat. Also wirklich bedrückende Schicksale – doch verbunden mit der Botschaft: Ohne das Engagement von anderen würde es mir heute nicht so gut gehen oder würde ich vielleicht gar nicht mehr leben. Eine wichtige und mutmachende Botschaft, die zeigt, wie bedeutend das soziale, das professionelle und das ehrenamtliche Mithelfen ist, wenn es anderen schlecht geht. Darüber hinaus gab es ganz viele, sehr emotionale Momente. Ich bin seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 jedes Jahr in der Ukraine gewesen. Bei keinem Besuch habe ich so häufig vor Rührung geweint wie 2025. Dieses Schicksal, diese Trauer, dieses Leid der Kinder getöteter Eltern und ein Gräberfriedhof, der wächst und wächst. Es gab aber genauso sehr viele positive Emotionen in diesem Jahr. Zum Beispiel, dass wir es geschafft haben, das Westbad-Außenbecken auf den Weg zu bringen. Dieser Tag war voller Freude.
Auch die Sanierung der Eishalle wurde auf den Weg gebracht. Das Westbad und das Eisstadion, zwei Langzeitprojekte: Geht es da auch um Vertrauen in die Politik, Versprochenes am Ende zu halten?
Horn: Ich glaube, bei beiden Anlässen haben sich sehr viele Freiburgerinnen und Freiburger mitgefreut. Deswegen hat das was mit Vertrauen und Verlässlichkeit zu tun. Aber es ist ehrlicherweise auch eine enorme Kraftanstrengung, solche Projekte umzusetzen. Wir sehen ja, dass überall in Deutschland Sportstätten oder Schwimmbäder eher geschlossen als eröffnet werden. Das macht ja niemand freiwillig, sondern weil die finanzielle Situation für Städte und Kommunen derzeit einfach enorm herausfordernd ist. Aber wir haben in Freiburg in den vergangenen Jahren gemeinsam viel richtig gemacht. Ich glaube, dass wir die richtigen Prioritäten gesetzt haben. Auch wenn ich mir die Entscheidung für das Eisstadion schon zwei Monate vorher gewünscht hätte. Auch weil politische Entscheidungen, je näher sie ans Jahresende rutschen, immer mehr als Wahlkampf abgestempelt werden. Aber der Beschluss und die mögliche Förderung sind beides echt wichtig und ich freue mich, dass wir das geschafft haben.
War es ein gutes Jahr für Freiburg?
Horn: International war es ein sehr herausforderndes, zum Teil auch besorgniserregendes Jahr. Ich glaube aber, für Freiburg war es ein richtig gutes Jahr, vor allem in Anbetracht der Weltsituation. Wenn ich sehe, wie viele Menschen Freiburg mit Tatkraft voranbringen im sozialen, im ökologischen, im wirtschaftlichen Sinne. Dass wir nach wie vor neue Firmenansiedlungen verkünden können, wie nun mit Endress+Hauser. Dass wir immer noch eine sehr starke Gewerbesteuer haben, dass es immer noch viele Jobs in Freiburg gibt und wir gleichzeitig tausend Stadtbauwohnungen bauen und wir stadtweit gesehen alle Kinder mit Kita-Plätzen versorgen können – das sind alles sehr gute Nachrichten für Freiburg.
Wo wurden Fehler gemacht?
Horn: Zum einen war es meiner Meinung nach eine verpasste Chance, dass der Gemeinderat nicht wollte, dass sich Freiburg als Austragungsort für die Frauenfußball-EM 2029 bewirbt. Ich kann verstehen, dass man gegenüber UEFA und FIFA Vorbehalte hat. Aber dennoch wäre es für den Mädchen- und Frauenfußball in unserer Sportstadt eine tolle Chance gewesen, Freiburg mit internationalem Frauenfußball zu bereichern. Wir haben außerdem in den neuen Pergola-Platz für suchtkranke Menschen am Colombipark viel Zeit, viel Vorbereitung und viel Geld investiert. Weil sich aber die Situation auf den Straßen so verändert hat, mussten wir uns eingestehen, dass es einfach nicht geklappt hat, wie wir das dachten. Das hat zu großen Belastungen für die Anwohner geführt, was mir sehr leid tut. Wir gemeinsam – Polizei, Prävention, Drogenarbeit und Stadtverwaltung – haben das falsch eingeschätzt bzw. wurden von neuen Entwicklungen überholt. Ein dritter Fehler ist meiner Meinung nach die Einführung der Verpackungssteuer zum 1. Januar 2026.
Ist diese Steuer ein Bürokratie-Monster, das zur Unzeit kommt?
Horn: Ich habe gegen die Einführung der Verpackungssteuer gestimmt und würde es wieder tun. Die Steuer bedeutet allein drei zusätzliche Stellen in der Stadtkämmerei aufgrund des bürokratischen Mehraufwands. Wir haben in den letzten Jahren eine hohe Inflation, alles wird teurer, Essen ganz besonders. Pizza, Döner, Popcorn im Kino, Pommes etc. vieles wird nun erstmal teurer werden. Deswegen ist es für Freiburg meiner Einschätzung nach ein politisches Eigentor. Gleichzeitig sehen wir Politikverdruss und den dringenden Bedarf zur Entbürokratisierung. Doch mit der Einführung der Verpackungssteuer tun wir genau das Gegenteil. Als Demokrat akzeptiere ich selbstverständlich die knappe Entscheidung im Gemeinderat. Natürlich setzen wir die Verpackungssteuer nun um. Das gehört sich so in einem demokratischen Rechtsstaat und dies gilt es wertzuschätzen und zu bewahren.
Freiburg baut Wohnungen gegen den Trend. Wie schafft Freiburg das, woran andere Städte aus
finanziellen Gründen scheitern?
Horn: Erstmal muss ich selbstkritisch festhalten: Das Wohnen Freiburg ist auch nach sieben Jahren Martin Horn zu teuer. Ich will aber entgegenhalten, dass es meiner Meinung nach kaum eine Stadt in Deutschland gibt, die so umfangreich mit verschiedenen Puzzleteilen unterwegs ist für mehr bezahlbares Wohnen. Unsere Freiburger Stadtbau hat gerade 1.000 Wohnungen gleichzeitig im Bau. Wir haben eine Wohnbau-Offensive von über 750 Millionen Euro beschlossen, die nicht nur 2.500 Wohnungen schafft, sondern insbesondere auch den Mittelstand und das Handwerk in der Stadt und der Region enorm unterstützt – das ist eine große Wirtschaftsfördermaßnahme. Darüber hinaus haben wir ganz viele Einzelmaßnahmen. Dazu gibt es neue Baugebiete wie Dietenbach, Kleineschholz oder Zinklern. Ja, das kostet viel und es dauert seine Zeit. Aber wir tun genau das Richtige.
Stichwort Einzelhandel: Wie zufrieden sind Sie mit der Vitalisierung der Innenstadt?
Horn: Wir haben es in den vergangenen Jahren und Monaten geschafft, wirklich strategische Impulse zu setzen. Erstmal in der Art und Weise, wie die Akteurinnen und Akteure der Innenstadt zusammenarbeiten. Das zeigt sich bei ganz vielen konkreten Projekten: Die Grünoasen mit über 30 neuen Grüninseln in der Innenstadt sind ein tolles Beispiel für konstruktive Zusammenarbeit. Gleichzeitig gab es die Eröffnung des Zaras oder die Eröffnung von Decathlon. Ich habe mich sicher ein Dutzend Mal mit Galeria Karstadt und Kaufhof in Videokonferenzen zusammengeschaltet, um für den Erhalt der beiden Filialen in Freiburg zu werben. Ich freue mich total, dass das geklappt hat. Aber es tut sich noch viel mehr. Das Fashion & Food Festival etwa hat sich super etabliert und die neue Initiative Gemeinsam Freiburg sind richtig gute Entwicklungen.
Die Polarisierung der Gesellschaft und der Aufstieg des Rechtspopulismus erscheinen unaufhaltsam. Welche Antworten haben Sie?
Horn: Rechtspopulisten und Spalter haben es in den letzten Jahren sehr perfide und leider auch sehr erfolgreich geschafft, Mitmenschlichkeit immer stärker zurückzudrängen. Es geht nicht mehr um Menschlichkeit und Werte, sondern stärker um „Wir gegen die“ und um Sündenböcke. Ich glaube, wir brauchen genau das Gegenteil. Es sollte uns nicht kalt lassen, wenn Menschen hungern, im Krieg sterben oder im Mittelmeer ertrinken. Und wir sollten die immer sich zuspitzende Spaltung zwischen Reich und Arm nicht akzeptieren. Mich macht es traurig, wenn ich sehe, dass selbst in unserem wohlhabenden, sozial engagierten Freiburg so viele Menschen auf der Straße leben. Das muss die Aufgabe der nächsten Jahre sein, noch stärker für die Schwächsten in der Gesellschaft da zu sein. Gleichzeitig ist ein Grund für den Aufstieg des Populismus, dass es die Politik über Jahre hinweg versäumt hat, eine realitätsnahe Erwartungshaltung zu geben. Zu lange hat Politik Dinge versprochen, die sie gar nicht halten kann. Das
schadet uns allen am Ende.
2026 ist OB-Wahlkampf in Freiburg. Wie wird der Debattenton in diesem Wahlkampf – und wird es ein fairer Wettstreit?
Horn: Wir haben ein enorm politisches erstes Halbjahr 2026 vor uns – mit drei Bürgermeisterwahlen am 3. Februar im Gemeinderat (Nachfolge von Finanzbürgermeister Stefan Breiter, von Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach und Wahl von Baubürgermeister Martin Haag zum Ersten Bürgermeister, Anm. d. Red.). Einen Monat später haben wir am 8. März die Landtagswahl mit fünf Kandidierenden aus unserem Gemeinderat (zwei davon sind Ersatzkandidierende, Anm. d. Red.). Und nur wenige Tage danach werden die Plakate für die OB-Wahl hochgehängt. Es gibt aktuell bereits einige Kandidierende. Das ist erst mal ein lebendiges Zeichen der demokratischen Vielfalt. Ich wünsche mir sehr, dass die kommenden Monate diese Stadt nicht spalten. Sondern, dass es einen Wettstreit gibt um die besten Visionen, die besten Ideen und um die besten neuen Projekte – mit möglichst wenig Polarisierung, keinen persönlichen Diffamierungen und in einem fairen Wahlkampf. Gleichzeitig wünsche ich mir vor allem eine hohe Wahlbeteiligung. Das muss unser gemeinsames Ziel sein.
Welche Herausforderungen und Entscheidungen stehen 2026 an?
Horn: Es gibt viele Dinge, auf die ich mich richtig freue. Es geht bei Hallensanierungen voran, bei Schulneubauten, genauso wie auch bei neuen Kitas. In den neuen Stadtteilen gibt es die ersten Spatenstiche. Im Schulbereich geht es darum, die Nachmittagsbetreuung weiter zu stabilisieren. Insbesondere im Fachkräftebereich wird es sehr herausfordernd, das Personal zu finden. Und ich freue mich wirklich, dass wir am 28. Februar endlich das Augustinermuseum eröffnen können. Mit einer kostenlosen Eröffnungswoche werden wir alle Freiburgerinnen und Freiburger ins Augustinermuseum einladen. Das ist tatsächlich etwas, worauf wir in Freiburg schon lange warten.


Oberbürgermeister Martin Horn blickt im Interview auf das Jahr 2025 zurück. Am 26. April möchte er für weitere acht Jahre gewählt werden. Foto: Thomas Kunz