Immer mehr Menschen diagnostizieren sich selbst eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder eine Autismusspektrumsstörung – oft inspiriert von dementsprechenden Kanälen in den sozialen Medien. Warum die Diagnosezahlen tatsächlich steigen und was Betroffene tun können, erläutert Swantje Matthies, Oberärztin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Freiburg.
In den sozialen Medien ist oft die Rede von Neurodivergenz: Was bedeutet das und gibt es belastbare Zahlen, wie viele Menschen daran leiden?
Swantje Matthies: An sich ist Neurodivergenz kein Begriff aus der Krankheitslehre, mit der wir uns als Ärzte beschäftigen. Der Begriff sollte ursprünglich so was wie kognitives Anderssein beschreiben und entstand im Rahmen des Kampfes von uns für Menschen, die sich anders fühlen. Später wurde er eher zum Begriff einer politischen Bewegung. An sich handelt es sich bei Neurodivergenz also nicht um eine Krankheit. Es lässt sich auch nicht genau sagen, welche psychischen Erkrankungen und Konditionen dazu gehören. Die Rede ist oft von Entwicklungsstörungen wie Autismus oder ADHS, aber auch Teilleistungsstörungen wie LRS und Dyslexie. Auch Hochsensibilität wird oft darunter genannt, dabei handelt es sich wiederum um einen Begriff, den manche Menschen für sich selbst verwenden, der nicht gut definiert ist und auch nicht zu den psychischen Erkrankungen zu rechnen ist. Vor diesem Hintergrund ist es schwer, „belastbare Zahlen“ für das Vorkommen von Neurodivergenz zu nennen. Denn das Konstrukt ist nicht scharf definiert. Für psychische Erkrankungen wie ADHS beispielsweise lassen sich hingegen Zahlen nennen. Man geht davon aus, dass zweieinhalb bis vier Prozent der Erwachsenen von einer ADHS betroffen sind, im Kindesalter sind die Zahlen doppelt so hoch.
Haben sich diese Zahlen in der Vergangenheit verändert?
Matthies: Die Diagnosezahlen für Entwicklungsstörungen steigen, das heißt aber nicht, dass die Erkrankung zunimmt, sondern dass mehr Diagnosen gestellt werden. Gerade bei der Zunahme von ADHS-Diagnosen im Erwachsenenalter sind zum Beispiel auch Menschen dabei, die im Kindesalter schon einmal diagnostiziert wurden und jetzt wieder in der Statistik auftauchen. Und gerade weil das Thema so in den Fokus gerückt ist, haben viele Menschen, die im Kindesalter übersehen wurden, einen Diagnosebedarf.
Früher war es der Zappelphilipp, heute gibt es die ADHS-Diagnose – was ist dran an dem Vorurteil?
Matthies: ADHS als Kinderkrankheit gerade bei Jungen kennen wir schon sehr lange und auch die Behandlungsmöglichkeiten. Die sogenannte Awareness für solche Erkrankungen ist dadurch gewachsen.

Swantje Matties ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Foto: Matthies
Was halten Sie von sogenannten Selbstdiagnosen?
Matthies: Der Vorteil der sozialen Medien ist, dass sie die Leute aufklären können. Allerdings sind auch viele Fehlinformationen im Netz zu finden. Und Erfahrungsberichte können auch irreführend sein. Wer sich umfassend informiert hat, kann das Gefühl bekommen, sich im Gesamtbild wiederzuerkennen. Damit kann man richtig liegen, aber es können natürlich auch andere Erkrankungen oder Gründe dahinterstecken. Eine Selbstdiagnose ist deswegen nicht gut möglich. Es ist aber durchaus okay, zu sagen, dass man bestimmte Eigenschaften bei sich erkennt, und sich dann weiter darüber zu informieren.
Welchen Weg könnte man dann gehen?Matthies: Nicht jede Person, die glaubt, ADHS oder Autismus zu haben, muss zwangsläufig zum Arzt oder Therapeuten – das ist aufgrund der langen Wartezeit auch oft frustrierend. Betroffene können sich weiter informieren: Zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen, Informationsveranstaltungen oder mit Hilfe von Büchern. Wichtig ist, dass man sich wirklich gut informiert und nicht nur oberflächlich. Möglichkeiten zur Selbsthilfe sind dort und in den sogenannten DiGAs zu finden.
Wann ist der Weg zum Therapeuten angezeigt?
Matthies: Manche Menschen sind von ihrer Erkrankung schwer beeinträchtigt: Zum Beispiel schaffen sie es nicht, einen Job zu behalten, eine Partnerschaft zu führen oder sich und ihre Kinder zu versorgen. Auch wenn die ADHS Auswirkungen auf Ausbildung oder Studium hat und dieses erschwert, sollte man zur Diagnostik gehen.
Informationen bieten zum Beispiel die Selbsthilfegruppen ADHS Deutschland e. V. (www.adhs-deutschland.de) oder Aspies e. V. (www.aspies.de).


Nicht alle Kinder mit ADHS werden diagnostiziert – umso mehr Erwachsene bekommen heute eine ADHS-Diagnose. Foto: Adobe-Stock