Tödliche Eskalation

Prozess vor dem Freiburger Landgericht: Ein Onkel soll seinen Neffen erstochen haben

Eigentlich waren Onkel und Neffe beste Freunde. Doch im Laufe einer dramatischen Nacht soll ein Streit zwischen den beiden auf brutalste Weise eskaliert sein. Der Onkel muss sich nun wegen Totschlags vor dem Freiburger Landgericht verantworten.

Als sich der Angeklagte, der im November 2016 seinen 20 Jahre alten Neffen mit einem Messerstich in den Oberkörper getötet haben soll, und die Mutter des Opfers am Montagmorgen im Saal IV des Landgerichts gegenübersitzen, fließen im ersten Moment auf beiden Seiten die Tränen.

Die Mutter wirkt innerlich gebrochen, die Trauer um den Verlust ihres Sohnes hat Spuren hinterlassen. Auch der Angeklagte, ein schmächtiger 40-Jähriger mit Halbglatze, ist vom blutigen Familiendrama gezeichnet. Immer wieder fängt er während der Verhandlung an zu wimmern, hält sich die Hände vors Gesicht oder blickt verweifelt an die Decke und murmelt etwas auf Georgisch in sich hinein.

Später sagt er über den Getöteten: „Ich habe ihn geliebt wie einen Sohn.“ Onkel und Neffe stammten aus Georgien und wohnten beide in derselben Wohnung. Der Neffe absolvierte in Freiburg ein soziales Jahr. Beide sollen sich, den Schilderungen nach, sehr nah gestanden sein. Was sich in Haslach in der Nacht zum 12. November abgespielt haben muss, lässt erschaudern: Offenbar gab es zunächst ein Zechgelage. Der Neffe ließ es zusammen mit Freunden in deren Wohnung demnach heftig krachen. Irgendwann tauchte der Onkel auf. Er war von den Freunden angerufen worden, er möge seinen volltrunkenen Neffen abholen. Doch dieser weigerte sich mitzukommen, er wollte lieber weiter Wodka trinken. Der Onkel zog von dannen, um sich schlafen zu legen. In den frühen Morgenstunden kam dann erneut ein Anruf mit der Bitte, er möge jetzt dringend den Neffen abholen.

Als der Onkel abermals in der Wohnung eintraf, soll es zu einem bitterbösen Streit zwischen ihm und seinem Neffen gekommen sein. Dieser soll extrem ausfällig geworden sein und sich zudem erneut geweigert haben, mitzukommen. Dies brachte den Onkel so in Rage, dass er – zurück in seiner Wohnung – gegenüber der Schwiegermutter, die noch wach war, drohte, dass der 20-Jährige die Wohnung nicht mehr betreten werde. Als der Neffe schließlich gegen 3 Uhr vor der Wohnung stand, rumschrie und pöbelte, soll der Angeklagte komplett die Fassung verloren, sich ein Küchenmesser gegriffen haben und damit aus der Wohnung gestürmt sein. Seine Frau und die Schwiegermutter versuchten dies – laut Aussage – zu verhindern, jedoch habe er sie zur Seite gestoßen. Draußen soll er dem Neffen einen Messerstich unterhalb des Schlüsselbeins verpasst haben. Seine Schwiegermutter – zugleich die Großmutter des Ermordeten – will dies vom Fenster aus beobachtet haben. Ihrem Enkel habe sie noch zugerufen: „Lauf weg!“ Vergeblich.Nach der Messerattacke eilte sie zu ihm. Minuten später starb er in ihren Armen. Die 64-Jährige schilderte als Zeugin diese qualvollen Momente. „Mein Enkel hat noch gerufen: ’Er hat mich verletzt, er hat mich verletzt’“, übersetzte eine Dolmetscherin. Danach sei der junge Mann zusammengebrochen.

Die Großmutter unterbricht ihre Aussage immer wieder, weil ihr die Tränen kommen. Ihren Schwiegersohn, so schildert sie, habe sie bis zur Tatnacht nie als aggressiven Menschen wahrgenommen, in dieser Nacht sei er jedoch extrem aufgebracht gewesen und habe zuvor die ganze Familie verflucht. Sven Meyer

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