„Was, wenn nicht der Meistertitel?“

Interview mit dem Meistertrainer: Harald Janson erklärt den besonderen Saisonverlauf der Eisvögel und gibt einen Ausblick auf die Zukunft mit dem Ziel Etatverdopplung

Den Sieg seiner Mannschaft verfolgte Harald Janson (52) aufgrund einer Coronainfektion vom Sofa aus. Seine Freude über den Titelgewinn schmälerte das nicht. Im Interview mit Matthias Joers spricht der Eisvögel-Coach über den Weg zum Titel, das Phänomen Mirna Paunovic und die Zukunft des Frauen-Basketballs in der Region.

Herr Janson, war es eine ungewohnte Situation, den Titelgewinn vom Sofa aus mitzuerleben und nicht an der Seitenlinie stehend?

Janson: Klar. Doch es hat uns nicht unvorbereitet getroffen. Wir wussten, wir sind in einer Coronasaison und es kann sein, dass wir auf Teile des Coachingstaffs und auch des Teams verzichten müssen. Schon während der Saison haben wir Victor Herbosa vier oder fünf Mal als Headcoach eingesetzt. Dann waren im Viertelfinale meine beiden Mittrainer Victor Herbosa und Robert Leichter beide positiv getestet. Und in der Endspielserie bin ich dann ausgefallen. Aber das Team war immer darauf vorbereitet.

Was bedeutet dieser Meistertitel für das Eisvögel-Programm?

Janson: Zunächst mal eine Bestätigung unseres Wegs. Wenngleich ich sagen muss, dass unser Weg nicht zwingend durch Meisterschaften evaluiert wird. Aber wir haben einen weiteren Beweis angetreten, dass es sehr schöne Sportarten neben dem Männerfußball gibt. Und wir haben den Beweis angetreten, dass Frauensport attraktiv ist und eines der in Deutschland am meisten nicht genutzten Potenziale. Andere Länder, andere Kontinente haben dieses Potenzial deutlich mehr erkannt. Insofern bestätigt uns der Titel in unserem Engagement für Mädchen, für junge Frauen und ist ein toller Booster für unsere tägliche Arbeit.

Und was bedeutet Ihnen der Meistertitel persönlich?

Janson: Wenn ich ganz ehrlich bin: Vor allem Freude. So simpel das klingt. Auch ich bin Leistungssportler, allerdings auf der Funktionärsebene. Und wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass wir Leistungssportler unsere Hauptzufriedenheit aus sportlichem Erfolg generieren. Da will ich mich nicht ausschließen.

Wie schnell war absehbar, welches Potential in diesem Team steckt?

Janson: Das Potential des Teams war uns relativ schnell klar. Aber zuvor wussten wir Bescheid über unsere Handicaps, mit denen wir zu tun haben werden – das war im Nachhinein vielleicht sogar ein Schlüssel zum Erfolg. Zum einen hatten wir einen komplett neuen Coachingstaff, der so in der Art noch nie miteinander gearbeitet hat. Das ist ein großes Handicap. Dann: Sechs neue Spielerinnen, die wir ins Team involvieren mussten. Davon war ein großer Teil anfangs nicht mal dabei, sondern verletzt: Lina Sontag, Martha Pietsch oder Andjelina Radic.

Diese Herausforderungen konnten Sie offensichtlich meistern?

Janson: Ja. Und in den Trainings und in den Vorbereitungsspielen wurde schnell klar, dass wir ein sehr großes Potenzial haben. Und zwar weil das Team so zusammengestellt war, dass es dieselbe Art von Basketball auf allen Positionen spielen wollte: Ganzfeldbasketball, aggressiver Basketball, extrem schneller Basketball. Da hat jede Spielerin reingepasst. Dann gab’s auch kleinere Krisen. Die größte Krise war die Verletzung von Emily Kapitza im Frühjahr. Das haben wir unter anderem mit der Hilfe von Mirna Paunovic gemeistert.

Wie ist das Phänomen Mirna Paunovic zu erklären, die mit 45 Jahren deutsche Meisterin geworden ist?

Janson: Es sind ja nicht nur die 45 Jahre. Das Leben ist da viel einfallsreicher als unsere Phantasie: Mirna Paunovic ist nicht nur 45, sie ist zweifache Mutter, alleinerziehend, voll berufstätig und hat zwei Brustkrebsdiagnosen gemeistert. Jeder dieser Punkte setzt den Vorpunkt noch einmal in die Potenz. Ich kann das nicht erklären. Ich kann nur sagen, wie unglaublich ich mich freue, und wie authentisch und professionell diese Sportlerin ist.

Gibt es eine Spielerin, die man hervorheben kann – oder verbietet sich das nach einem Meistertitel?

Janson: Nein, das verbietet sich nicht. Man kann durchaus sagen, dass Shiori Yasuma die Spielerin war, die, wie noch keine andere bei den Eisvögeln, ihre Mitspielerinnen besser gemacht hat. Es gibt solche Spielertypen und Shiori Yasuma ist so einer. Das muss man herausheben. Sie wurde auch gerade erst von der im Basketball sehr wichtigen Plattform Eurobasket zur MVP, zur wertvollsten Spielerin der Finalserie ausgezeichnet. Diesen Titel hat sie auch verdient.

In der Hauptrunde haben Sie beide Spiele gegen die Rheinland Lions verloren. Welche Rolle spielte das für die Finals gegen Rheinland?

Janson: Zum einen haben wir analysiert, dass wir in beiden Spielen auch einiges richtig gemacht haben. Und dann haben wir in den insgesamt sechs Spielen gegen Rheinland den Gegner Stück für Stück besser kennengelernt. In der Finalserie hat Rheinland ständig offensive Justierungen vorgenommen. Sie haben auf unsere Verteidigungsstrategie reagiert und Spielerinnen plötzlich in andere Räume geschickt. Darauf mussten wir immer wieder über Videoscouting reagieren. Am Ende waren wir soweit, dass wir Rheinland so gut kannten. Das Scouting der einzelnen Spielerinnen mit ihren Qualitäten stand da im Mittelpunkt. Wir wussten auch, wie fit unser Team ist. Und wir wussten, dass wir auf einen Gegner treffen, der auf jeden Fall deutlich älter ist als wir. Der Turnaround kam in der Verlängerung von Spiel drei. Da hatte Rheinland keine Chance. Komplett aufgegangen ist das Ganze im zweiten Viertel in Spiel vier, als wir 36 Punkte gegen sie geholt haben.

Wo lagen die basketballerischen Stärken der Mannschaft?

Janson: Das hing natürlich von der Zusammenstellung der Spielerinnen ab. Wir waren ganz sicher mit deutlichem Abstand das schnellste Team in der Liga, verbunden mit sehr guten Schützinnen von der Drei-Punkt-Linie. Das bedeutet: Du greifst schnell an und der Gegner hat dagegen die Tendenz sich möglichst schnell in die Zone zurückzuziehen. Als zweite Welle kamen dann unsere Drei-Punkt-Schützen. Gleichzeitig war ich von der Art und Weise wie wir über das ganze Spielfeld verteidigt haben, überzeugt. Am Ende in der Finalserie haben wir das Team mit der besten Verteidigung der Liga deutlich geschlagen.

Freiburg hat mit den größten Zuschauerzuspruch der Liga. Hat das dem Team zusätzlich geholfen?

Janson: Absolut. Die Situation war nicht ganz leicht. Das Eisvögel-Management verfolgt immer das Ziel, dass die Halle voll werden muss. Dem konnten wir aufgrund der Coronasituation nicht voll nachkommen. Zunächst durfte die Halle aufgrund der Verordnungen nur zu Hälfte voll sein. Als diese Vorgaben wegfielen, haben wir uns mit dem Ticketing selbst zurückhalten. Wir konnten doch nicht bei einer 1.600er-Inzidenz Karten- und Ticketaktionen an Freiburger Schulen machen! Aber als die Playoffs dann losgingen, wollten wir unsere Fans natürlich nicht künstlich stoppen. Wir haben dann 1.200 Zuschauer als Höchstgrenze gesetzt. Natürlich hätten wir nochmal 500 mehr in die Halle reinquetschen können. Aber auch so war es eine sehr, sehr schöne und in der Tat in Deutschland einmalige Atmosphäre.

Können Sie schon einen Ausblick auf die Planung für die neue Saison geben? Es ist ja bekanntermaßen nicht einfach im Schatten des Fußballs großen Sport hinzulegen.

Janson: Da muss man vorneweg sagen, dass es dabei um den Schatten des Männerfußballs geht. Und ich bin selbst SC-Freiburg-Fan und war früher überzeugter Nordtribünen-Steher. Ich sage das also ohne jegliche Missgunst. Wir sind aber erneut den Beweis angetreten, dass Sport begeistert, egal ob er von Männern oder Frauen betrieben wird, und egal ob man den Ball in die Hand nehmen darf oder nicht. Den Weg werden wir weitergehen. Er wird auch eines Tages Erfolg haben. Wir müssen nur weiter dafür werben, dass unsere Sportlandschaft in Deutschland ein bisschen weniger Monokultur wird. Das ist etwas, was leider sehr typisch für Deutschland ist. Da wollen wir zumindest in Freiburg und in Südbaden ein Ausrufezeichen setzen, dass unsere Gegend anders tickt. Und zweitens, ganz klar: Wir haben gegen Teams gespielt im Halbfinale und Finale, die mehr als doppelt so hohe Etats haben wie wir. Es muss unser Ziel sein, in den nächsten Monaten eine Verdopplung unseres Etats zu erreichen, sprich von 250.000 Euro auf 500.000 Euro hochzukommen. Wir sind guter Dinge, dass Freiburg uns dabei hilft.

Und dabei soll der von Ihnen angesprochene Booster – der Meistertitel – kräftig Hilfe leisten?

Janson: Was, wenn nicht der Meistertitel?

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