„Industrie ist massiv besorgt“

Wie sich ein Importstopp von russischem Gas auswirken würde und ob es genug Reserven gibt – Interview

Der Stop russischer Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien sorgt auch in Deutschland für Verunsicherung. Auch wenn die Abhängigkeit von russischem Gas in Deutschland laut Wirtschaftsminister Robert Habeck von 55 auf 35 Prozent gesunken ist, befürchtet die Industrie massive Auswirkungen. Was ein Gasstopp bedeuten würde und welche Alternativen zum russischen Gas möglich sind, erklärt Volker Geis, Leiter der Verbundwarte der Badenova Tochter bnNETZE im Gespräch mit Saskia Schuh.

Herr Geis, wieviel Gas fließt von Russland in Haushalte Ihrer Kunden in Freiburg?

Volker Geis: Wir als Verteilnetzbetreiber wissen nicht, wo das Gas konkret herkommt. Das geht über mehrere Zwischenhändler und es gibt keine Deklarationspflicht für Erdgas, die über die Herkunft Aufschluss gibt. Grundsätzlich ist es so, dass die bundesweite Quote bei Erdgas inzwischen bei 35 Prozent liegt. Deshalb lässt sich davon ausgehen, dass der Anteil des Erdgases aus Russland bei den Freiburger Haushalten auch etwa bei 35 Prozent liegt.

Was passiert, wenn die Importe nach Deutschland quasi über Nacht gestoppt werden und gäbe es genug Reserven für den kommenden Winter?

Geis: Dieses Szenario wäre im vergangenen Winter bei kalten Temperaturen kritisch gewesen. Aktuell hat der Bedarf abgenommen, da weniger Gas zum Heizen benötigt wird. Momentan ist die Lage also nicht mehr so bedrohlich, den Sommer würde man überstehen. Damit es im Winter mit der Gasversorgung nicht knapp würde, müssen die Speicher gut gefüllt sein. Aktuell werden diese deutlich schneller gefüllt als in den Vorjahren. Die Kombination von nicht-russischen Importen und der Entnahme aus den Speichern sollte die Versorgung im kommenden Winter sichern können.

Welche Alternativen gäbe es, um nicht weiter von russischen Gasimporten abhängig zu sein?

Geis: Die Regierung und die Gasimporteure sehen sich nach Ersatzlieferungen für Öl, Gas und Kohle um. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs haben die Mengen aus der Nordsee bundesweit bereits deutlich zugenommen. Zusätzlich wird auf dem Weltmarkt Öl und Gas zugekauft, das nicht Pipeline-gebunden ist, um die Abhängigkeit von Russland weiter zu verringern. Der nächste Schritt sind die LNG-Terminals. Der Bau eines Terminals dauert jedoch mindestens drei Jahre. Um noch eine schnellere Lösung zu bekommen, sind schwimmende LNG-Terminals bestellt worden, das hat die Bundesregierung bereits in Auftrag gegeben. Diese können sehr schnell in Betrieb gehen. Natürlich kommt auch jeder Privathaushalt, der auf erneuerbare Energien umsteigt dem Erdgas-System zugute, weil dessen Menge für den Winter gespeichert wird.

Beschleunigt das nun den Ausbau der erneuerbaren Energien?

Geis: Die erneuerbaren Energien sind der Schlüssel, um von den fossilen Energien weg zu kommen. Der Wandel wird nun tatsächlich beschleunigt. Wir haben beispielsweise zahlreiche Windkraftanfragen, um neue Standorte zu erschließen und zu realisieren. Zum anderen gibt es auch Privatunternehmer die aktuell solche Planungen voranbringen. Aktuell sind in der Planungs- und Genehmigungsphase auch Windkraft-Standorte in Freiburg, vor allem sollen bestehende leistungsstärker ausgestattet werden.

Das Thema wird gerade heiß diskutiert – könnte es im Falle eines Lieferstopps für russisches Gas eine Priorisierung der Industrie vor Privathaushalten geben?

Geis: Derzeit nicht, denn es gibt einen klaren gesetzlichen Rahmen: Wir sind beauftragt die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und können dementsprechend Maßnahmen einleiten. Wir treffen als Netzbetreiber keine Entscheidungen, sondern müssen diese umsetzen. Besonders geschützt sind die Privatkunden, aber auch Einrichtungen wie Krankenhäuser, Feuerwehr oder Polizei, sie müssen möglichst lange bei einer Gasknappheit versorgt werden. Das ist die klare Priorisierung des Gesetzgebers. Erstmal müssen wir alle vertraglichen Maßnahmen nutzen, beispielsweise Abschaltverträge, um strom- und kohlebefeuerte Kraftwerke anstatt Erdgas zu nutzen. Der nächste Schritt wäre die Industrie aus der Gasversorgung rauszunehmen. Diese Priorisierung ist für ein Szenario im kalten Winter gedacht, ob das im Moment das richtige ist, muss die Politik entscheiden. Für die Priorisierung machen wir gerade einen Plan und bewerten die Unternehmen. Wenn es schnell gehen muss, werden die größeren Unternehmen zuerst vom Netz genommen. Aufgrund der zahlreichen Maßnahmen, um die Versorgung zu sichern, ist das Abschalten von Industriekunden meines Erachtens in der Priorität nach hinten gerutscht. Die Politik unternimmt viele Anstrengungen, damit dies nicht eintrifft.

Wie groß ist die Sorge bei Ihren Kunden aus der Industrie derzeit?

Geis: Wir haben wiederholt Termine und Gespräche mit den Industriekunden, die haben natürlich massive Sorgen, wenn sie für ihre Produktion Gas brauchen. Da gibt es viele Fragen. Beispielsweise wie schnell man bei einem Lieferstopp abschalten und dabei auch Sicherheitsrisiken eingehen muss. Da kann ich beruhigen, sie müssen solide und sicher runterfahren, damit keine Umweltrisiken entstehen. Wirtschaftliche Einbußen könnte es jedoch geben.

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