„Die Wende muss kommen“

Die Klimadebatte nimmt Fahrt auf: Was fordert Fridays for Future Freiburg von der Politik?

Fridays for Future erwacht aus dem Winterschlaf: Denn nach der Pandemie ist vor der Bundestagswahl. Interview mit Lukas Gress von Fridays for Future Freiburg, der dort seit zwei Jahren aktiv ist.

Dass das Thema Klimaschutz nun nach den langen Monaten der Pandemie wieder deutlich mehr Fahrt aufnimmt, liegt wahrscheinlich an den nahenden Bundestagswahlen?

Gress: Ja, das zeigt wie relevant das Thema für WählerInnen geworden ist und dass keine Partei mehr durchkommt ohne ein gutes Klimaprogramm zu haben. Trotzdem kritisieren wir die Parteien, auch die Grünen, weil alle kein ausreichendes Programm haben um die 1,5-Grad-Grenze, die in Paris beschlossen wurde, einzuhalten. Das ist ein großes Problem, da jedes Zehntelgrad weitere Erwärmung bedeutet, dass im globalen Süden, aber auch bei uns, der Schutz von Menschenrechten immer schwieriger wird. Bei Klima geht es nicht nur um Partikel in der Atmosphäre, sondern Klima ist eine Gerechtigkeitsfrage.

Inwiefern?

Gress: Eine Lösung kann nur gefunden werden, indem man die soziale Frage mit dem Klima verbindet. Eine sozial-ökologische Wende muss kommen, die die Dinge wirklich verbessert.

Wünscht sich FFF also eine grüne Kanzlerin Baerbock?

Gress: Wir sind überparteilich und würden niemals nur eine Partei unterstützen, weil wir wollen, dass es eine gesamtgesellschaftliche Wirkung gibt.

FFF will nicht nur auf Bundesebene Dinge verändern, auch hier in Freiburg wurden konkrete Forderungen an die Stadtverwaltung formuliert. Wie gestaltet sich auf kommunaler Ebene der Kontakt zu Politik und Verbänden?

Gress: Das ist ein Thema was mich sehr beschäftigt. Erst kürzlich hatten wir ein Gespräch mit Oberbürgermeister Martin Horn. Die Stadt hat unsere Forderungen empfangen und will diese nun wissenschaftlich evaluieren. Dann sollen relativ bald die Ergebnisse an die Öffentlichkeit gelangen.

Also habt ihr das Gefühl, dass ihr durchaus gehört werdet?

Gress: Wir werden schon gehört, aber leider nicht genug ernst genommen, das hat sich auch in diesem Gespräch gezeigt. Der Oberbürgermeister war nicht bereit konkrete Zusagen zu machen.

Was sind die Nahziele von FFF in Bezug auf Freiburg?

Gress: Freiburg könnte als Stadt mit wenig Schwerindustrie eine Vorreiterrolle einnehmen. Wir sollten also früher Klimaneutralität erreichen können, als beispielsweise Städte im Ruhrgebiet. Deshalb fordern wir auch Klimaneutralität bis 2030. Uns ist aber bewusst, dass, vor allem angesichts der aktuellen Maßnahmen, dieses Ziel wahrscheinlich nicht erreicht wird. Das ist es aber, was wissenschaftlich gesehen nötig wäre.

Fehlt euch bei Treffen mit der Politik manchmal das Gespräch auf Augenhöhe?

Gress: Teilweise ja, man spürt bei der Politik aber durchaus, dass man auf uns reagieren muss. Einfach, da wir den politischen Druck von tausenden Menschen auf der Straße repräsentieren. Das versuchen wir dann auch verantwortungsbewusst rüberzubringen.

Oft kam der Vorwurf, FFF sei sehr elitär und bilde nicht den Durchschnitt der Jugend ab. Wie ist das aktuell bei FFF Freiburg?

Gress: Das ist ein reales Problem. Es ist schon so, dass FFF hauptsächlich aus Menschen besteht die Abitur machen, auch die Zeit haben sich politisch zu engagieren. Wir haben Arbeitsgruppen dazu gegründet und wollen an diesem Umstand arbeiten. Dieses Problem besteht aber bei allen politischen Bewegungen. Wichtig ist für uns auch, die Eintrittshürden zu senken. Bei uns kann jeder mitmachen und ist jeder willkommen, auch wenn er mal fliegt oder Fleisch isst. Klimaneutrales Leben ist aktuell noch nicht möglich, aber genau dafür kämpfen wir ja. Die Klimakrise ist die größte Aufgabe die wir als Gesellschaft je hatten, und die kann man nicht als Einzelperson mit Bambuszahnbürste lösen.

Zuletzt hat FFF mit einem antisemitischen Post auf Social-Media-Websites in Zusammenhang mit der Gaza-Krise auf sich aufmerksam gemacht. Das wurde unter anderem auch von dem Freiburger CDU-Bundestagsabgeordneten Matern von Marschall kritisiert, der eine deutliche Distanzierung von diesen Aussagen forderte. Wie steht FFF Freiburg zu dem Vorfall?

Gress: Es handelte sich um einen Posting auf einem internationalen FFF-Account, welches in Teilen antisemitische Motive in Bezug auf die Nahost-Debatte verwendet hat. Davon hat sich FFF Deutschland bereits direkt von Anfang an distanziert. Antisemitismus ist mit unserem Selbstverständnis nicht vereinbar, wird im Gegenteil von uns bekämpft. Matern von Marschall hat in der Folge von FFF Freiburg gefordert, dass wir uns von der internationalen Bewegung abspalten oder aus der Politik zurückziehen sollen. Das finden wir unangemessen, besonders wenn man unsere deutliche Distanzierung einerseits und die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Hans-Georg Maaßen andererseits in Betracht zieht. Das Interview führte Claudia Kleinhans.

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