„Alarm von null auf 100“

Aggressiv und alkoholisiert: Warum drei junge Menschen in Freiburg vor Gericht standen

Ein Angriff in einer Straßenbahn, einer am Hauptbahnhof, beide Male ohne ersichtlichen Grund und hoch aggressiv: Drei junge Menschen und ihre Taten waren am Montag ein Fall für das Amtsgericht Freiburg. Die Attacken von Jafar M. (20), Roxy S. (16) und Aadil R. (19)* erregten Aufsehen, weil sie in aller Öffentlichkeit stattfanden. Zwei der drei Täter zeigen vor Gericht wenig Einsicht.„Ich kenn’ die Bilder schon, muss ich das nochmal ansehen?“ Ja, sie muss. Jugendrichterin Birgitta Stückrath ruft die erst 16-jährige Roxy S. an den Richtertisch in Saal 3 des Amtsgerichts. Mit ihrem Mitangeklagten Jafar M. soll sie sich die Videobilder aus einer Straßenbahn der Linie 4 in Richtung Messe ansehen. Immer wieder wendet sie ihren Blick ab. Immer wieder ermahnt die Richterin sie, hinzusehen.


Er trank – und suchte Streit
Es ist der 23. Oktober 2017 als die Straßenbahn gegen 22.10 Uhr in die Berliner Allee einbiegt. Jafar M. und Roxy S., damals ein Paar, wollen sich das Feuerwerk der Freiburger Herbstmess’ ansehen – so wie auch ihr Opfer, Jungunternehmer Thomas F.* aus dem Raum Stuttgart. Als über der Messe die Raketen in den Himmel steigen, ist die Situation in der Bahn bereits eskaliert. „Es ging um einen Sitzplatz“, sagt Roxy S. „Er hat Streit gesucht“, sagt Jugendstaatsanwalt Bernd Klippstein über Jafar M. „Es wurde sehr schnell aggressiv. Für mich war das völlig unbegreiflich“, sagt F. Er berichtet, wie M. ihn erst anrempelt und sich kurz darauf mit Roxy S. bedrohlich vor ihm aufbaut. „Fassen Sie mich nicht an“, ruft F. Doch Jafar M. ergreift die Haltestange über ihm, schwingt sich auf und will F. mit den Füßen ins Gesicht treten. Das Opfer, das selbst Kampfsporttraining betreibt, kann den Angriff abwehren, und M. sogar fixieren. Beim anschließenden Gerangel beißt ihn der 19-jährige Iraker in den Handballen. Noch heute hat er Taubheitsgefühle. S. kommt ihrem Freund zur Hilfe, schlägt dem Opfer mit der Faust auf den Kopf. Den Straßenbahnfahrer, der zu Hilfe eilt, beißt Jafar M. in den Oberschenkel. „Dass einer beißt, kommt sehr selten vor“, berichtet Polizist Robert Kempter. Als die Streife eintrifft, bespucken und beleidigen M. und S. die Beamten.
Vor ihrer Tat trinken sie zusammen eine halbe Flasche Wodka. „Wenn ich trinke, werde ich böse“, sagt Jafar M. Auch beim zweiten Vorfall, der am 4. Februar 2018 am Hauptbahnhof passiert, sind sie alkoholisiert. Dieses Mal ist auch Aadil R. dabei. Nachts um 1.30 Uhr laufen sie über die Schienen auf den Bahnsteig 2/3 und greifen grundlos sieben Männer an, die vom Bowling kommen. „Das war Alarm von null auf 100“, berichtet einer der Männer, der Schnittwunden davonträgt und dessen Brille im Wert von 1.500 Euro kaputt geht. Auch hier hat die Polizei Mühe, die Angreifer zu beruhigen.
Aadil R. lässt im Gerichtssaal deutlich Reue erkennen. Sein Anwalt sagt, er sei auf einem guten Weg, gehe Ärger mittlerweile aus dem Weg und trinke nicht mehr. Jafar M. und Roxy S., die alleine vor Gericht auftauchen, lassen dagegen wenig Einsicht erkennen. Auch die Erinnerungen an die Vorfälle sind bei beiden dürftig. „Ich weiß nicht. Ich war wie im Traum“, sagt Jafar M., der einen Probejob als Frisör absolviert. Erst auf den Hinweis der Richterin hin entschuldigen er und Roxy S. sich bei den Opfern. Betroffen machen die Ausführungen der 16-Jährigen. Seit einem Jahr geht sie nicht mehr auf die Schule. „Keine Lust“, sagt sie. Was sie die ganzen Tag macht, fragt der Staatsanwalt. „Nix.“ Warum ist ihre Mutter nicht mit im Gerichtssaal? „Ich will nicht, dass sie mitgeht bei solchen Terminen.“ Wann sie wieder zur Schule gehen will? „Bald.“
Wegen gefährlicher Körperverletzung schickt Richterin Stückrath die junge Frau für vier Wochen in eine Jugendarrestanstalt. „Eine deutliche Rote Karte“, sagt sie. Auch Hauptaggressor Jafar M. verdonnert sie zu vier Wochen Dauerarrest sowie elf Monate Jugendstrafe auf Bewährung. Sechs Monate lang darf er sich nicht mit Alkohol in der Öffentlichkeit erwischen lassen und muss ein Antiaggressionstraining absolvieren. Der Mitangeklagte Aadil R., der zeigt, wie man die eigenen Probleme in den Griff bekommen kann, muss nur einen Schadensersatz in Höhe von 1.500 Euro zahlen.

Matthias Joers
* Namen von der Redaktion geändert

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