„Man könnte eine fremde Raumsonde finden“

Zwei Freiburger Forscher spielen das Szenario durch, was passieren würde, wenn wir irgendwann mal Kontakt zu Außerirdischen haben sollten – ein Interview

Der Freiburger Soziologe Michael Schetsche beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie der Erstkontakt mit Außerirdischen ablaufen könnte. Dazu hat er nun, zusammen mit einem Kollegen, ein Buch geschrieben. Sven Meyer traf ihn zum Interview.

Herr Schetsche, wie kamen Sie zu der Idee für Ihr Buch?

Michael Schetsche: Als Zukunftsforscher interessieren mich verschiedene Gefahren, die der Menschheit in der näheren oder ferneren Zukunft drohen könnten. Neben dem Risiko einer sich verselbstständigenden Künstlichen Intelligenz (KI) ist das auch die Frage, auf was oder auf wen wir bei unserer Erforschung des Universums eines fernen Tages treffen könnten. Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon seit langer Zeit; jetzt ist dazu, in der Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Dr. Andreas Anton, ein umfangreiches Buch entstanden.

Sie beschäftigen Sich mit der Frage: Was wäre wenn? Bitte skizzieren Sie mal: Was wäre ein denkbares Szenario?

Schetsche: Da haben wir mit den Methoden der Zukunftsforschung verschiedene Möglichkeiten untersucht. Mir erscheint momentan das „Artefakt-Szenario“ am wahrscheinlichsten. Es geht davon aus, dass wir bei der Erforschung unseres Sonnensystems auf ein künstliches Objekt stoßen, das außerirdischen Ursprungs ist. Dieses Szenario ist so wahrscheinlich, weil solche Hinterlassenschaften außerhalb von planetaren Atmosphären lange Zeiten überdauern können – im Asteroidengürtel etwa könnte man durchaus Reste einer fremden Raumsonde finden, die hunderttausende von Jahren alt ist.

Wenn es aber zu Signalen oder sogar direktem Kontakt käme, was denken Sie, wie würden wir dann mit der außerirdischen Lebensform in Kommunikation treten?

Schetsche: Wenn wir lediglich fremde Radiosignale aus den Weiten des Weltalls auffangen, bin ich eher skeptisch, ob wir die jemals werden entschlüsseln können. Falls es jedoch zu einem direkten Kontakt käme, bestünde zumindest die Chance, eine gemeinsame Kommunikationsgrundlage zu schaffen. Das hängt natürlich auch davon ab, wie die anderen sich überhaupt verständigen – dass dies wie bei uns primär durch Schallwellen geschieht, können wir nun wirklich nicht voraussetzen.

Ist die Menschheit überhaupt für den Tag X, sollte er denn kommen, vorbereitet?

Schetsche: Eher nicht. Uns fehlt heute noch so vieles. Etwa eine Theorie des Fremdverstehens, die nichtmenschliche Akteure mit einschließt. Und wir müssen noch viele unserer menschlichen Vorurteile abbauen. Aber es sind auch ganz praktische Dinge, wie etwa ein sicherer Ort außerhalb der Erde, wo wir fremdartige Artefakte untersuchen oder im Falle des Falles mit Außerirdischen zusammentreffen könnten.

Denken Sie, die Außerirdischen wären tendenziell eher eine Gefahr für die Menschheit?

Schetsche: Das vermag heute niemand zu sagen. Wahrscheinlich werden die Fremden keine organischen Wesen sein wie wir, sondern Vertreter einer uns technisch weit überlegenen Maschinenzivilisation. Wir Menschen sind ja gerade selbst dabei, künstliche Intelligenzen zu konstruieren, die uns eines Tages mehr oder weniger friedlich ablösen könnten.

Was würde ein solcher Kontakt mit uns Menschen und unserem Selbstbild machen?

Schetsche: Zumindest wäre dann geklärt, dass wir nicht die „Krone der Schöpfung“ sind und erst recht nicht die „Herren des Universums“. Das kann eine narzisstische Kränkung sein, bewahrt uns als Spezies aber möglicherweise auch vor kollektiven Einsamkeitsgefühlen angesichts der schier unfassbaren Größe des Universums. Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir in seinen Weiten ein Gegenüber finden, mit dem wir kommunizieren können.

Sie plädieren unter anderem für ein internationales Abkommen, das, zum Beispiel, „außerirdische Funde der Aufsicht der Vereinten Nationen unterstellt.“ Warum, denken Sie, wäre das so wichtig?

Schetsche: Wenn wir erst einmal ein solches Artefakt gefunden haben, dürfte es für eine völkerrechtliche Regelung zu spät sein. Dann würden verschiedene Nationalstaaten oder auch multinationale Konzerne versuchen, sich die entdeckte fremde Technologie anzueignen. Das könnte durchaus der Auslöser für einen Krieg auf der Erde sein. Deswegen brauchen wir jetzt ein Abkommen, das solche Konflikte zu vermeiden hilft.

Schauen Sie eigentlich persönlich gerne Science Fiction-Filme? Wenn ja, welcher gefällt Ihnen besonders gut?

Schetsche: Im Anhang unseres Buches gibt es eine Liste mit empfehlenswerten Science Fiction-Filmen zum Thema. Besonders gut gefällt mir der Spielfilm „Sphere“ aus dem Jahre 1998, weil die Fremden da nicht so vermenschlicht werden. Die Menschen sind dort mit einer fremdartigen Sphäre aus dem Weltraum konfrontiert – und bis zum Schluss bleibt ungeklärt, was die Außerirdischen überhaupt auf der Erde wollen. Ein aus wissenschaftlicher Warte kluges Filmkonzept.

Glauben Sie denn selbst an Außerirdische?

Schetsche: Ich bin Wissenschaftler, ich glaube gar nichts. Es gibt allerdings zahlreiche aktuelle Befunde aus Disziplinen wie Astrophysik oder Astrobiologie, die es wahrscheinlich erscheinen lassen, dass wir nicht allein im Universum sind. Und es könnte durchaus sein, dass wir eines Tages auf eine fremde Intelligenz stoßen – oder wohl eher sie auf uns. Wann das sein wird, vermag heute niemand zu sagen. Aber da die Möglichkeit besteht, sollten wir vorbereitet sein.

InfoDr. Michael Schetsche ist Forschungskoordinator am IGPP Freiburg und lehrt als außerplanmäßiger Professor am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität. Sein Buch ist soeben erschienen: Michael Schetsche, Andreas Anton (2019): Die Gesellschaft der Außerirdischen. Einführung in die Exosoziologie. Wiesbaden: Springer VS 

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