Zuflucht mit Zukunft

In der Freiburger Notunterkunft „Oase“ kehren Wohnungslose wieder gerne ein

Das Leben in der „Oase“, der Freiburger Notunterkunft für wohnungslose Menschen, ist weder einfach noch luxuriös und war lange sogar unter den Betroffenen verpönt. Das hat sich dank Stadtverwaltung und engagierter Mitarbeiter geändert. Doch es gibt zu wenige Plätze für zu viele Bedürftige.Es sind karge Verhältnisse in den Zimmern der Notunterkunft für Wohnungslose in der Haslacher Straße, der „Oase“ (kurz für Obdach, Anlaufstelle, Soziale Dienste und Erstversorgung). Ein paar Hochbetten, ein Spind für jeden Bewohner – es riecht nach alter Kleidung und Zigarettenqualm. Hier leben aktuell 40 Menschen. Eigentlich sollen sie nach wenigen Nächten wieder gehen. Doch einige Bewohner sind Langzeitnutzer.
Wer sich von Claudius Heidemann, dem Leiter der „Oase“, das Gebäude zeigen lässt, der bekommt einen Eindruck von den Problemen, mit denen sich Obdachlose wie Helfer auseinandersetzen müssen. „Bitte nichts anfassen. Es kam schon vor, dass hier Spritzen herumlagen“, warnt der Hausherr. In einer Gemeinschaftsküche sitzen einige Männer, rauchen, sehen fern. „Die Zimmer sind von 9 bis 18 Uhr tabu. Da können sich die Bewohner im Gemeinschaftsbereich aufhalten.“ Sauber ist es nicht in der Küche. „Das ist so eine Sache hier. Vor zwei Tagen war das noch deutlich sauberer“, seufzt der Sozialarbeiter. „Die Bewohner putzen das in Eigenregie. Das klappt mal besser, mal schlechter. Unbelehrbare gibt es halt auch.“ 20 Jahre ist Heidemann in der Obdachlosenhilfe tätig und kennt seine Klientel.
Es ist noch nicht lange her, da war die „Oase“ nicht sonderlich beliebt unter den Wohnungslosen in Freiburg. „Bevor ich in die städtische Notübernachtung gehe, verrecke ich lieber im Freien“, war einer der Sätze, die man von Wohnungslosen zu hören bekam. Unfreundliche Mitarbeiter, Weckruf um sechs Uhr morgens. Die Nutzer waren unzufrieden, fühlten sich bevormundet und nicht respektiert.
Das weiß auch Horst Zahner vom Förderverein Essenstreff im Dreikönigshaus an der Schwarzwaldstraße. Hier kommen wohnungslose Menschen zusammen, um für kleines Geld eine warme Mahlzeit zu erstehen und ins Gespräch zu kommen – auch über die Unannehmlichkeiten in der Notunterkunft. Das ging auch an Zahner nicht vorbei, der selbst regelmäßig die „Oase“ besucht. „Dabei mussten wir immer wieder feststellen, dass die Atmosphäre zwischen den Bewohnern und den Hausmeistern zum Teil unmenschlich war“, so der Essenstreff-Gründer.


Ein Wandel in der Unterkunft
Bei seinem jüngsten Besuch kurz nach Neujahr sei er dann jedoch positiv überrascht gewesen, wie sich die Atmosphäre gewandelt habe: „An diesem Tag war das Haus – wie derzeit fast täglich – ausgebucht. Bei den Gesprächen erfuhren wir von allen Bewohnern, dass man mit der jetzigen Behandlung und Betreuung sehr zufrieden ist.“ Zum Angebot der „Oase“ gehört inzwischen eine eigene Außenstelle des Jobcenters.
Überhaupt sei es Grundsatz, willigen Bewohnern zurück in die Gesellschaft zu helfen, anstatt nur notdürftig Schlafplätze zur Verfügung zu stellen, weiß Claudius Heidemann, der die Unterkunft seit fast sieben Jahren leitet. „Ich kannte die Kritik, die es damals gab.“ Angefangen habe er mit zwölf Mitarbeitern. Heute sind es 31. „Es gibt mehr Stellen, Fortbildungen, einen Ausbau des Sozialdienstes“, berichtet Heidemann. „Ein wichtiger Faktor ist außerdem die Stadthalle, die wir als Unterkunft für die selbstständigeren, wohnungslosen Menschen nutzen können.“


Oase für die Härtefälle
In die „Oase“ kämen nur noch „die Härtefälle“, wie Heidemann erzählt. „Da gab es einen Bewohner, der sich in einem anderen Wohnheim mehrfach selbst angezündet hat. Inzwischen ist der Mann in psychiatrischer Behandlung und kommt anschließend zu uns ins betreute Wohnen.“ Dass das Verhältnis zwischen Personal und Bewohnern wesentlich besser sei als noch vor einigen Jahren, sei der Stadt zu verdanken, die eine eigene Abteilung für die Betreuung wohnungsloser Bürger eingerichtet hat. Dennoch fehlten gut 150 Plätze. „Damit wäre aber nur kurzfristig geholfen, denn das Problem ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Freiburg“, stellt Heidemann klar. Bei den Betroffenen handle es sich nicht nur um Arbeitslose. Auch Berufstätige glitten immer häufiger in die Obdachlosigkeit ab, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Zehn Erwerbstätige leben derzeit in der Unterkunft, sagt der Leiter. An der Hauptpforte kommt ein Bewohner von der Arbeit. „Echt ekelhaft da draußen. Zum Glück kann ich wieder nach drinnen.“ Es ist eine Wertschätzung, die hier nicht immer selbstverständlich war.

Benjamin Resetz

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