„Die Leute hören uns zu“

Gespräche über den Stadtteil Dietenbach, Teil 2: Susanne Schlatter, Mitglied der Initiative „Rettet Dietenbach“

Wenn es nach der Stadt geht, soll dieser Stadtteil sozial und ökologisch werden und den Trend der galoppierenden Mieten bremsen – warum sind Sie trotzdem gegen die Bebauung von Dietenbach?Susanne Schlatter: Schon diese Argumente zeigen, dass man von diesem Stadtteil sehr viel verlangt. Ich könnte jetzt zehn Adjektive hinzufügen, die immer wieder geäußert werden. Er soll inklusiv, grün, nachhaltig, bunt und was sonst noch werden. Mir fällt dazu die berühmte eierlegende Wollmilchsau ein. Die Argumente klingen schön, aber ich glaube nicht, dass das alles zu realisieren ist. Allein die Frage, ob 50 Prozent sozialer Wohnungsbau dort überhaupt umgesetzt werden können, steht völlig in den Sternen. Die Hürden dafür sind extrem hoch.

Was ist denn für Sie das zentrale Argument, das gegen die Bebauung dieses Gebiets spricht?

Schlatter: Der Verlust an Naturflächen ist für mich ein ganz starkes Argument. Wertvolle Anbauflächen, Wald und Wiese würden verschwinden, die ganze Fläche in der Dimension von 237 Fußballfeldern würde teils versiegelt, teils wäre sie durch andere Maßnahmen in Mitleidenschaft gezogen. Mich treibt aber auch die finanzielle Belastung der Stadt um, die der Bau dieses Stadtteils nach sich ziehen würde. Die Möglichkeiten für nachfolgende Generationen würden erheblich eingeschränkt.

Genauso gut könnte man argumentieren, die nachfolgenden Generationen möchten auch irgendwo wohnen – und das zu bezahlbaren Preisen. Wo soll Ihrer Meinung nach der Wohnraum herkommen, wenn nicht durch einen neuen Stadtteil?

Schlatter: Zum einen sehen wir den Bedarf nicht, den die Stadt sieht. Wir gehen von deutlich weniger Zuwachs aus, als es die städtischen Angaben zu diesem Projekt suggerieren. Wir wissen, dass es in Freiburg einen nicht unerheblichen Leerstand gibt. Der SPD-Ortsverein Stühlinger, zum Beispiel, hat eine lange Leerstands-Liste online veröffentlicht. Leider ist im Rathaus viel zu wenig Personal vorhanden, um sich dieses Themas effizient anzunehmen. Das andere sind die vielen illegalen Ferienwohnungen gegen die man vorgehen sollte.

Selbst wenn man gegen Teile dieser Missstände erfolgreich vorgehen würde, würde das vermutlich nicht ausreichen.

Schlatter: Eine weitere wirksame Maßnahme, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, sind Aufstockungen. Wie das funktioniert, kann man sich zum Beispiel in Haslach in der Belchenstraße 12-34 anschauen. Dort wurde ein Stadtbaugebäude um ein Stockwerk erweitert, womit 24 zusätzliche Wohnungen mit preiswerten Mieten entstanden sind. Da gibt es noch sehr viel Potenzial in der Stadt. Ebenso denke ich an bestehende Parkplatzflächen, die überbaut werden könnten. Aldi macht zudem vor, dass man einstöckige Gewerbeflächen mit Wohnungen aufstocken kann. Die Stadt der Zukunft wird dem Auto sehr viel weniger Fläche einräumen, auch da steckt viel Potenzial für Wohnbau drin. Warum wird diese Diskussion in Freiburg nicht viel intensiver geführt? Ich denke, weil die Stadtverwaltung komplett den Dietenbach-Tunnelblick hat und nicht links und rechts schaut.

Erläutern Sie doch bitte, wie es zu der Diskrepanz bei der Einschätzung des zukünftigen Wohnbedarfs kommt. Warum sollte Freiburg weniger stark wachsen?

Schlatter: Zuerst möchte ich klarstellen, dass wir uns nicht gegen Zuzug stellen. Freiburg ist eine attraktive Stadt und wird immer Leute anziehen. Wir haben uns aber gefragt, warum die Schätzungen der Stadt in den vergangenen Jahren so stark schwankten. Dann haben wir mal recherchiert und stießen dabei auf die gegenläufige Schätzung des Statistischen Landesamts, wonach das Wachstum ab 2023 stagniert. Sollte es wirklich so sein, bräuchten wir vor allem bis 2023 neue Wohnungen, und die sind ja sowieso schon projektiert. Die Bauarbeiten für Dietenbach hätten dann noch gar nicht begonnen. Womöglich ist dann gar nicht mehr dieser riesige Bedarf da. Und bis dahin gibt es noch einige Flächen, die entwickelt werden. Ich nenne nur Schildacker, Quartier Haid, Stühlinger-West, Zähringen-Nord.

Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass, wenn Dietenbach nicht gebaut wird, an anderer Stelle in der Stadt massiv nachverdichtet werden muss. Dies könnte den Charakter Freiburgs stark verändern. Wäre das für Sie das kleinere Übel?

Schlatter: Statt von Nachverdichtung möchte ich lieber von Innenentwicklung sprechen. Natürlich muss diese mit Augenmaß stattfinden, man kann nicht überall eingreifen, aber es gibt Potenziale, die man nutzen kann. Ich bin mir aber bewusst, dass es Ängste in der Bevölkerung gibt, dass dann das letzte Winkelchen Grün wegfallen würde. Soweit darf es natürlich nicht kommen. Eine Stadt braucht grüne Inseln. Dafür werden wir uns einsetzen. Wenn wir jetzt Erfolg haben, stehen die Chancen gut, dass wir auch künftig mit diesem Ziel Erfolg haben.

Es gibt die Stimmen, die sagen, bald können sich Freiburg nur noch Wohlhabende leisten. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass hier ein in sich erstarrendes Wohlstands-Ghetto entsteht?

Schlatter: Würde ich diese Gefahr sehen, hätte ich mich nie dieser Initiative angeschlossen. Für mich sind solche Aussagen taktische Manöver, die sich nicht mit der Realität decken. Ich kann nicht verstehen, wie man so viele Probleme im Voraus aufbauen kann. Das einzige, bei dem die Stadt keine Probleme sieht, ist offenbar ausgerechnet das riesige Projekt Dietenbach. Nein, auch ohne den Stadtteil wird Freiburg kein Reichenghetto!

Im Gemeinderat gibt es eine fraktionsübergreifende Allianz für den neuen Stadtteil. Sie und Ihre Mitstreiter inklusive „Freiburg Lebenswert“ sind der kleinere Akteur. Trotzdem wirken Sie optimistisch. Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Schlatter: Es sind noch vier Wochen und wir haben gute Argumente, die wir sehr fundiert belegen. Die Leute hören uns zu. Wir würden diese vielen unbezahlten Stunden nicht investieren, wenn wir nicht vom Holzweg der Gegenseite und der Richtigkeit unseres Anliegens überzeugt wären.Das Gespräch führte Sven Meyer.

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