„Die eine Vogelgrippe gibt es nicht“

Freiburger Ornithologe Gernot Segelbacher klärt über aktuelles Sorgen-Thema auf – Interview

Ein toter Schwan in Freiburg, ein Kadaver einer Möve am Rhein in Breisach und weitere Fälle in unterschiedlichen Landesteilen machen aufmerksam: die Vogelgrippe grassiert in Baden-Württemberg. Geflügelhalter müssen ihre Hühner einsperren. Aber wie groß ist die Gefahr für andere Tiere oder gar den Menschen? Das hat Bernd Peters den Ornithologen Gernot Segelbacher von der Uni Freiburg gefragt.

Herr Professor Segelbacher, wie gefährlich ist die Vogelgrippe zurzeit im Land? Und für wen besteht Gefahr?

Gernot Segelbacher: Zunächst muss man festhalten, dass es „die“ Vogelgrippe gar nicht gibt. Es gibt verschiedene Viren-Stämme, die in unterschiedlichem Ausmaß bei infizierten Tieren für Symptome sorgen. Oft hat man die Situation, dass man es mit einem wenig pathogenen Virus bei Wildvögeln zu tun hat, das dann in ein hochpathogenes Virus mutiert, wenn es in eine Geflügelhaltung mit vielen Tieren auf engem Raum eingeschleppt wird. Hochpathogen heißt, dass infizierte Tiere schwer erkranken oder sterben. Das ist dann die sogenannte „Geflügelpest“. Weltweit gibt es einige wenige Einzelfälle, in denen auch Menschen sich mit dem Viren-Stamm H5N1 angesteckt wurden. In Deutschland bisher nicht. Solche Entwicklungen können jedoch sehr dynamisch sein, wie man beim Corona-Virus gesehen hat. Aber in der Regel werden die Viren von Vogel zu Vogel übertragen.

Trotzdem ist Vorsicht geboten, oder?

Segelbacher: Schon. Vor allem soll man keine toten Vögel und insbesondere keine toten Wasservögel berühren, wenn man welche findet. Und man soll die Veterinärbehörde informieren, damit die Kadaver untersucht werden können. Man sollte Hunde an der Leine führen und auch keine Wasservögel füttern, weil da dann viele Tiere zusammen angelockt werden, wodurch das Infektionsrisiko steigt. Wasservögel zu füttern ist grundsätzlich kritisch zu sehen.

Wie wird so ein Virus eigentlich auf einen Geflügelbetrieb übertragen? Landet da ein kranker Vogel und niest die Hühner an?

Segelbacher: Die Übertragung findet in erster Linie über den Kot statt. Wenn man als Geflügelhalter irgendwo am Wasser unterwegs ist und in den Kot eines infizierten Vogels tritt, dann kann man das Virus zum Beispiel unbewusst in den eigenen Hühnerstall reintragen. Ein anderer Weg ist, dass die Viren durch den Zukauf erkrankter Tiere von anderen Höfen eingeschleppt werden. Das kann man durch die Quarantäne eindämmen.

Gibt es derzeit besonders viele Fälle?

Segelbacher: Das bewegt sich im Bereich der Zahlen in den Wintern der Vorjahre. Aber es sind mittlerweile mehrere Dutzend Fälle. So eine endemische Situation wie im letzten Sommer an den Küsten in den Brutvogelkolonien mit Zehntausenden von Fällen haben wir zum Glück nicht.

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