Quartier auf der Zielgeraden

Nirgendwo zeigt sich die wachsende Stadt Freiburg dynamischer als auf dem Güterbahnareal

Das Güterbahnhofsareal nördlich des Hauptfriedhofs ist die derzeit wohl boomendste Ecke Freiburgs. Nirgends ist mehr Dynamik drin. Eine ähnlich große und zugleich innenstadtnahe Fläche wird die Stadt wohl auf sehr lange Zeit nicht mehr entwickeln können. Der Güterbahnhof Nord in Freiburg wurde von 1901 bis 1905 gebaut, um den Güterverkehr vom Personenverkehr am Hauptbahnhof zu trennen. Lange Zeit lag das Areal mehr oder weniger brach, bis das Güterbahngelände ab dem Jahr 2002 gemeinsam von der Stadt und dem Immobilienunternehmen Aurelis in ein modernes Wohn- und Gewerbequartier umgewandelt wurde. Inzwischen ist die Entwicklung weit fortgeschritten. Cafés, Restaurants, Fitnessstudios und Läden bereichern das Areal. Noch in diesem Jahr erhält das Boom-Quartier den Stadtbahn-Anschluss. Mit Fertigstellung des Quartiers werden dort einmal 3.500 Menschen in rund 1.600 Wohnungen leben. Hinzu kommen rund 6.000 Arbeitsplätze.
„Es ist ein wirklich urbanes, großstädtisches Quartier mit hoher Dichte entstanden, ohne den Freiburger Maßstab völlig zu verlieren. Wir konnten damit auch viele Unternehmen überzeugen, sich hier anzusiedeln und damit die Wirtschaftskraft der Stadt zu stärken. Dass wir rückblickend vielleicht die eine oder andere Freifläche mehr hätten einplanen können, sei zugestanden“, erklärt Martin Haag im Gespräch mit dem Wochenbericht. Neben den oft bemängelten zu wenigen Freiflächen sind es die Einkaufsmöglichkeiten und die zu unoriginelle Architektur, die als Kritikpunkte gelten. Keine Frage: Mehr außergewöhnliche moderne Vorzeigebauten hätten dem Quartier gut getan. Ein echtes Prunkstück ist hingegen die mit viel Fingerspitzengefühl restaurierte Lokhalle mit Kreativpark und stylisch eingerichtetem italienischem Restaurant.
Auch Freiburgs Projektentwickler Peter Unmüßig, der auf dem Areal jüngst sein Prestigeobjekt Green City Tower einweihen konnte und weiter nördlich seine Firmenzentrale betreibt, sieht den Mini-Stadtteil als Erfolgsgeschichte. „Es war das letzte große innerstädtische Sahnestück. Zum Glück hat man den großen Fehler der Anfangsphase, als die Stadt nur Büro- und Gewerbebauten vorgesehen hatte, korrigiert“, erklärt er.


Zeichen der Standortstärke
Unmüßig wertet es als gutes Zeichen für den Standort Freiburg, dass auf dem Areal innerhalb relativ kurzer Zeit ein milliardenschweres Investitionsvolumen verbaut wurde. In der hohen Nachfrage nach den hochpreisigen Wohnungen zeige sich jedoch auch das Freiburger Dilemma: In der Stadt gibt es praktisch keine Wohnungen – insbesondere für niedrigere Einkommen bezahlbare. Im Güterbahnhofsareal lebt vor allem, wer es sich leisten kann. Die anderen, wenn sie nicht gerade das Glück haben, in städtischem Wohnungsbau unterzukommen, schauen in die Röhre. Die relativ hohe Dichte und die höhere Bebauung sieht Unmüßig indes als Fingerzeig für die Zukunft: „Das ist nicht nur eine Frage des Flächenfraßes, sondern auch in vielen anderen Aspekten ökologischer und ökonomischer“, sagt er.
Bis 2028 soll das Quartier fertiggestellt sein. Derzeit läuft die weitere Planung auf Hochtouren: Unter anderem das Baugruppenprojekt „Nestbau 3“, ein 13-geschossiges Mietwohngebäude mit Bio-Supermarkt oder ein städtisches Multifunktionsgebäude mit Kinder- und Jugendtreff sowie einem Quartierstreff sind vorgesehen. Auch die Ansiedlung der Firmenzentrale des global vernetzten Unternehmens Falk Pharma gegenüber der Lokhalle ist ein Ausrufezeichen.
Sechs weitere Baufelder werden zudem von privaten Entwicklern fertiggestellt. Und auch für das kostengünstigere Segment soll etwas entstehen: In der Neunlindenstraße soll ein Gebäude der Freiburger Stadtbau entstehen, mit gefördertem Wohnungsbau. Insgesamt, das lässt sich feststellen, ist Freiburgs jüngster Modellstadtteil eine Erfolgsstory. Dem Mischkonzept zwischen Wohnen und Arbeiten gehört die Zukunft.

Sven Meyer

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