Atomkraft, nein danke?

Kernkraft am Netz lassen? Freiburg diskutiert über eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraft

Sie heißen Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 – und aktuell ist eine heiße Debatte um eine Laufzeitverlängerung der letzten drei noch aktiven Atomkraftwerke in Deutschland entbrannt. Freiburg blickt auf eine lange Tradition in der Anti-Atomkraft-Bewegung zurück – und ist bei dem Thema dennoch gespalten.„Nai hämmer gsait“ lautete der Kampfspruch der Kaiserstühler in Whyl, als sie vor genau 50 Jahren begannen, gegen das dort geplante AKW zu protestieren. Mit Erfolg: Sie verhinderten nicht nur dessen Bau, sondern legten mit ihrem Widerstand auch den Grundstein für die Anti-Atomkraft-Bewegung, die heute bundesweit mit der strahlenden Sonne verbunden ist. 2011 schließlich schien das Ziel erreicht: Unter Bundeskanzlerin Angela Merkel beschloss Deutschland angesichts der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima den endgültigen Ausstieg.
Der Krieg in der Ukraine und die daraus resultierende Energiekrise bescheren dem Atomstrom nun jedoch ein Comeback in der öffentlichen Debatte: Und auch in der Anti-AKW-Stadt Freiburg kann sich mancher einen Weiterbetrieb aktuell wieder vorstellen.
„Grundsätzlich bin ich – wie alle Grünen – kompromisslos gegen eine Umkehr des Ausstiegs aus der Atomkraft“, konstatiert Maria Viethen, die seit 1994 für die Grünen im Freiburger Gemeinderat sitzt. „Und nach wie vor ist weder die Frage der Absicherung der Anlagen gegen Naturkatastrophen und terroristische Angriffe, noch die der Endlagerung des strahlenden Materials gelöst. Es handelt sich um eine tickende Zeitbombe mit erheblichem gesellschaftlichem Konfliktpotenzial“, ergänzt sie.
Dennoch: „Meiner Meinung nach sollte man diese Frage völlig unideologisch betrachten. Das ungelöste Problem der Endlagerung würde durch eine begrenzte Laufzeitverlängerung von drei Anlagen nicht wesentlich verschärft. Jedoch ist fraglich, ob eine Laufzeitverlängerung sicherheitstechnisch möglich, wirtschaftlich sinnvoll und effektiv für die Versorgungslage in Deutschland wäre“.
Der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden e.V. (Wvib), Christoph Münzer unterstützt eine mögliche Verlängerung: „15 Prozent unseres Stroms wird in Gaskraftwerken produziert – wir müssen alles dafür tun, den Gasverbrauch zu drücken. Dazu sollten wir jede Möglichkeit nutzen, auch die Atomkraft. In einer Krise müssen alle Optionen auf den Tisch“, findet er.


Energiesparen: „Alle können beitragen“
Ähnlich sieht das auch Claudia Raffelhüschen, die Freiburger FDP-Bundestagsabgeordnete. „Wir befinden uns – so Minister Habeck – ’in der größten Energiekrise in Deutschland’. Da jetzt auf eine bestehende Energiequelle zu verzichten, halte ich für unklug. Und dies auch noch zugunsten von Kohlekraftwerken zu tun, ist schon ziemlich widersinnig nach all den Diskussionen um CO2-Reduzierung und Klimaschutz“, stellt sie klar. Doch auch Energiesparen und die Erneuerbaren Energien müssten ihrer Meinung nach deutlich intensiver im Fokus stehen.
Georg Löser vom Freiburger Verein Ecotrinova setzt sich schon seit vielen Jahren für eine Energiewende ein – und hält nichts von einer Verlängerung der verbleibenden AKW: „Die Laufzeitverlängerung für die drei letzten Atomkraftwerke Deutschlands wäre viel zu gefährlich“, erklärt er, „sie sind zuletzt 2009 näher geprüft worden, allerdings nach veralteten Maßstäben der 1980er Jahre.“ Stattdessen setzt er auf Energiesparen: „Hier können alle viel beitragen, zu Hause, im Büro und sonstwo“, so Löser und er warnt: „Ganz falsch wäre es, im Winter massenhaft mit elektrischen Heizgeräten zu heizen: Da wäre der Blackout mit schlimmen Folgen garantiert. Bei zehn Millionen solcher Geräte mit je zwei Kilowatt Leistung müssten mehr als 20 weitere Großkraftwerke à 1.000 Megawatt in Betrieb gehen.“
Mit Sparen sei es bei der Industrie aber nicht getan, stellt Münzer vom Wvib klar: „Wenn es mit dem Gasmangel ernst wird, hat dies für die Industrie und die Menschen in den Unternehmen gravierende Folgen. Produktionsausfälle und Kurzarbeit sind möglich. Und wenn Gas da ist, wird es teuer sein. Energieintensive Unternehmen werden bei weiter steigenden Energiepreisen in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten kommen.“

Claudia Kleinhans

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