„Wir wollen die Situation verbessern“

Für sein großes Engagement in Afrika: Der Arzt Bernhard Rumstadt wurde mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet

Große Würdigung für einen Freiburger Mediziner: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dem am Evangelischen Diakoniekrankenhaus tätigen Ärztlichen Direktor Professor Dr. Bernhard Rumstadt das Bundesverdienstkreuz verliehen. Rumstadt hat 2002 den in Burkina Faso tätigen Verein „Operieren in Afrika“ gegründet und ist seither dessen Vorsitzender. Im Gespräch mit Redaktionsleiter Sven Meyer berichtet er, wie er die medizinische Situation in dem westafrikanischen Staat erlebt.

Herzlichen Glückwunsch zum Bundesverdienstkreuz. Was bedeutet Ihnen dieAuszeichnung?

Bernhard Rumstadt: Mir persönlich bedeuten Ehrungen und Orden nicht ganz so viel, aber ich freue mich natürlich, dass das Engagement von uns allen anerkannt wird. Ich habe die Auszeichnung stellvertretend für die ganze Mannschaft, mit der ich das Projekt in den zurückliegenden 20 Jahren aufgebaut habe, entgegen genommen. Fast alle sind dabei geblieben, was bei einem solchen Projekt nicht gewöhnlich ist.

Wie kam es dazu, dass Sie den Verein „Operieren in Afrika“ ins Leben gerufen haben?

Rumstadt: Letztlich ist der Wunsch eines Mediziners, in die Entwicklungshilfe zu gehen, relativ häufig vorhanden. So war es bei mir auch, aber direkt nach dem Studium war das nicht realisierbar. Als ich 1997 das erste Mal eine Klinik geleitet hatte und das Klinikum nach drei Jahren rund lief, kam der Wunsch auf, ein Entwicklungshilfeprojekt zu initiieren. Meine damalige Mannheimer Mannschaft und ich haben ein Jahr Spenden gesammelt und sind dann auf Burkina Faso gekommen, wo wir Kontakt zu einer staatlichen Klinik aufbauen konnten. 2001 sind wir das erste Mal hingefahren und haben eine Woche mit den Kollegen vor Ort operiert. Das war letztlich der Startschuss für alles.

Was ist die vorrangige Zielsetzung des Vereins?

Rumstadt: Unser Ziel ist es, aktiv die Gesundheitssituation in Burkina Faso zu verbessern. Das bedeutet, dass man nicht nur gute Ratschläge erteilt und Geld hinschickt, sondern dorthin fährt, die Ärmel hochkrempelt und zusammen mit den Menschen etwas verändert, was dann von Dauer ist. Dieses Gemeinsame mit den Menschen vor Ort zeichnet uns aus. Wir entwickeln gemeinsam etwas, trinken abends auch zusammen ein Bier und tauschen uns über unterschiedliche Perspektiven aus.

Wie sieht die Hilfe vor Ort konkret aus?

Rumstadt: Nachdem wir zunächst einmal pro Jahr nach Burkina Faso gefahren sind haben wir in den zurückliegenden acht Jahren eine Klinik aufgebaut, die mit 30 afrikanischen Mitarbeitern besetzt ist. Diese Klinik übernimmt die chirurgische und geburtshilfliche Basisversorgung vor Ort und ist gleichzeitig Stützpunkt für Kurzeinsätze, bei denen Spezialisten aus Deutschland und der Schweiz zusammen mit den afrikanischen Ärzten komplexe Operationen durchführen. Dieses einzigartige Konzept, mitten im Berufsleben stehende operative Spezialisten im Rahmen von Kurzeinsätzen in unser Klinikprojekt einzubinden, garantiert eine lebendige Klinik, die für die notleidende Bevölkerung wertvolle Hilfe leistet.

Wie stellt sich die medizinische Situation in Burkina Faso dar?

Rumstadt: Chirurgische Hilfe ist nach wie vor ein riesiges Problem. 90 Prozent der Entwicklungsländer haben so gut wie keinen Zugang dazu. Derzeit sterben in diesen Ländern sechsmal mehr Menschen an nicht adäquat durchgeführten Operationen als an HIV, Malaria und Tuberkulose zusammen. Trotzdem ist chirurgische Entwicklungshilfe bis heute leider ein Stiefkind. Als Chirurgen sind wir bei unseren Kurzeinsätzen auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen und das ist gegeben. Es ist alles so optimal vorbereitet, dass wir hocheffiziente Einsätze leisten können. Zur Nachsorge haben wir eine eingespielte Mannschaft vor Ort.

Unterscheiden sich die Patienten dort grundlegend von denen hier?

Rumstadt: Die Patienten und das Spektrum der Befunde sind vergleichbar, jedoch sind die Krankheitsbilder dort viel ausgeprägter. Wenn Sie nur ein Monatseinkommen von zehn Euro haben, züchten sie schlecht verheilte Brüche oder Eierstocktumore, um nur zwei Beispiele zu nennen, über viele Jahre. Solche Krankheitsbilder kennt ein deutscher Mediziner nur aus medizinhistorischen Büchern.

Kann man diesen Menschen noch helfen, wenn sie ihr Leiden derart verschleppen?

Rumstadt: Die Herausforderung ist natürlich komplexer. Aber in der Regel können wir diesen Menschen helfen. Was es aber nicht einfacher macht: Dort gibt es keine Blutbank, kein Backup, keine Intensivstation etc. - und trotzdem muss das irgendwie funktionieren. Mitunter führen wir sogar Säuglings-OPs durch. Da muss man sich gut einschätzen können, aber es ist letztlich machbar. Ja, es geht sogar erstaunlich gut.

Wie kommt es, dass Menschen, die sich offenbar über viele Jahre mit großen gesundheitlichen Problemen durch den Alltag kämpften, sich plötzlich bei Ihnen und Ihren Kollegen operieren lassen?

Rumstadt: Wenn wir nach Burkina Faso fliegen, operieren wir in der Regel ohne Bezahlung. Das senkt natürlich bei vielen die Hemmschwelle. Der Kostenfaktor schreckt ja viele ab. Eine Bäuerin oder ein Bauer können das sonst gar nicht bezahlen. Das Zweite ist tatsächlich, dass wir da immer noch den Nimbus eines weißen Medizinmannes haben. Zu Beginn gab es mehr Skepsis. Da wir aber seit 20 Jahren unten sind, hat sich herumgesprochen, dass wir mit einer sehr geringen Komplikationsrate operieren und die Menschen danach wieder Lebensqualität genießen. Wir haben inzwischen sehr lange Wartelisten.

Ist Ihnen in all der Zeit, die Sie dort vor Ort waren, ein besondersprägendes Erlebnis widerfahren?

Rumstadt: Das sind sehr viele intensive Eindrücke. Aber eine Sache hat mich besonders berührt. Als wir dort angefangen haben, war es leider noch üblich, dass Neugeborene mit Lippenspalten umgebracht wurden, weil sie aus Sicht der abergläubischen Bevölkerung vom Teufel gekennzeichnet waren. Verzweifelte Eltern haben ihre Kinder jahrelang in der Hütte versteckt, praktisch ohne Tageslicht und Kontakt zu anderen. So einem Kind kann man durch eine relativ einfache Operation wieder ein normales Leben ermöglichen. Das war und ist für mich sehr prägend und bewegend.

Zum Schluss: Finanziert sich das alles über Spendengelder und wenn ja, wie kommen Sie daran?

Rumstadt: In der Tat finanzieren wir uns zu 100 Prozent über Spenden. Ein Großteil kommt von regelmäßigen Spendern, Menschen, die realisiert haben, dass wir ohne großen bürokratischen Aufwand das Geld direkt vor Ort einsetzen, wo es wirklich gebraucht wird und dass wir mit den Menschen dort zusammen arbeiten.

Zurück
Der von Bernhard Rumstadt (l.) gegründete Verein „Operieren in Afrika“ setzt sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Burkina Faso ein. FOTOS: ACHIM KÄFLEIN/DIAKONIEKRANKENHAUS