„Inflation wirkt extrem unsozial“

Interview: Sparkassen-Chef Marcel Thimm sieht Rückkehr zu einer gemäßigten Inflationsrate in weiter Ferne

Dass Preise kontinuierlich steigen, gehört zum normalen Lauf der Wirtschaft. Das gilt jedoch nur, solange die Preissteigerung auf rund zwei Prozent jährlich begrenzt ist. Derzeit geht die Inflation durch die Decke und bereitet vielen Menschen Sorge. Marcel Thimm, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, erläutert im Gespräch mit Redaktionsleiter Sven Meyer, die Auswirkungen dieser Entwicklung.

Herr Thimm, haben Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn schon eine derart hohe Inflation erlebt und sind Sie persönlich überrascht, dass es jetzt zu dieser Entwicklung gekommen ist?

Marcel Thimm: Im Mai sind die Verbraucherpreise in Deutschland gegenüber dem Mai des Vorjahres um 7,9 Prozent gestiegen. Fürs Gesamtjahr 2022 rechnet die Bundesbank nun mit einer Inflationsrate von 7,1 Prozent. So hohe Inflationsraten in der Bundesrepublik Deutschland hat es seit meinem Eintritt ins Berufsleben im Jahre 1975 noch nie gegeben. Einen erhöhten Preisanstieg habe ich vor dem Hintergrund der sehr expansiven EZB Geldpolitik erwartet. Dass er so schnell so hoch ausfällt, überrascht mich allerdings schon.

Was bedeutet das für die Banken?

Thimm: Für uns Banken war die Geldpolitik der EZB seit 2014 sehr schädlich. Negative Einlagenzinsen und gigantische Anleihenkäufe haben unserem traditionellen und bewährten Geschäftsmodell durch Wegfall der Einlagenmarge die Basis entzogen. Wir begrüßen es daher sehr, wenn die EZB jetzt gegensteuert.

Welche Geschäftsfelder der Sparkasse werden sich im Zuge der Inflation und der schrittweisen Leitzinsanhebung wie verändern?

Thimm: In Folge der Inflation steigen die Zinsen, weil die EZB die Kreditnachfrage und damit die inflationstreibende Nachfrage nach Gütern einschränken will. So haben sich bereits jetzt die Zinssätze für eine normale Baufinanzierung gegenüber Dezember letzten Jahres verdreifacht. Das heißt, die Kreditnachfrage könnte zurückgehen. Auf der anderen Seite könnte das Einlagengeschäft eine Renaissance erleben. Auch das Wertpapiergeschäft könnte sich weiter dynamisch entwickeln, weil trotz der Rückkehr der Zinsen für Bankeinlagen, die Schere zwischen Kaufkraftverlust und Einlagenverzinsung noch mehr zu Ungunsten der Sparer aufgeht. Damit bleiben Wertpapieranlagen eine interessante Alternative.

Können sich nun weniger Menschen Wohneigentum leisten?

Thimm: Generell ist die Nachfrage nach Wohneigentum nach wie vor sehr hoch. Aber wir stellen in der Beratung immer häufiger fest, dass der Kunde sich bei dem jetzigen Zinssatz das Objekt schlichtweg nicht mehr leisten kann. Bei steigenden Zinsen wird sich dieser Trend verstärken. Umgekehrt bedeutet das, dass bei geringerer Nachfrage irgendwann die Preise zurückgehen, was – so ist es ja gewollt – inflationshemmend wirkt.

Wie kann die Inflation wieder eingefangen werden und ist es denkbar, dass die Preise irgendwann merklich zurückgehen?

Thimm: Aus meiner Sicht hat die EZB viel zu lange an ihrer extrem lockeren Geldpolitik festgehalten. Jetzt ist das Dilemma da und wird durch die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs noch verstärkt. Ich sehe keine Alternative zu deutlichen Zinserhöhungen und trotzdem wird die Inflation nicht so schnell wieder verschwinden. Niemand geht davon aus, dass die Preise insgesamt wieder zurückgehen, sondern nur langsamer weiter ansteigen. Ein möglicher Rückgang einzelner Preise ist dann nur die berühmte Ausnahme von der Regel.

Welche Auswirkungen wird die Inflation langfristig haben?

Thimm: Inflation wirkt extrem unsozial und konjunkturhemmend. Menschen, die einen Großteil ihres Einkommens für Verbrauchsgüter ausgeben müssen, sind überproportional betroffen. Die Lohnentwicklung hinkt der Inflation in der Regel hinterher und kann dadurch nicht ausgleichend wirken. Zusätzlich versuchen die Menschen mit ihrem Vermögen und ihren Ersparnissen der Inflation auszuweichen. Zum Beispiel durch Anlagen im Ausland. Solche Maßnahmen sind schädlich für die Konjunktur.

Wie verhält es sich bei größeren Anschaffungen?

Thimm: Wer Geld hat und größere Anschaffungen vorhat, wird diese eher vorziehen, weil die Preise morgen schon wieder gestiegen sein können. Wenn jedoch die Vermeidung von Kaufkraftverlusten im Vordergrund steht, ist das eine ungesunde Entwicklung, die langfristig nicht konjunkturfördernd ist.

Wie lange wird die aktuelle Inflationsdynamik noch anhalten?

Thimm: Alle Prognosen sagen, dass wir auch 2024 noch über dem Inflationsziel von zwei Prozent liegen werden – wenn auch nur leicht. Mir erscheint das sehr optimistisch. Ich bezweifle, ob die EZB und die Regierungen der Euroländer die dafür notwendige Disziplin hinsichtlich Geldpolitik und Haushaltspolitik aufbringen werden. So hat die EZB mit ihren Staatsanleihenkäufen seit 2014 rechnerisch fast die komplette Neuverschuldung aller Euro-Länder in dieser Zeit finanziert. Damit soll jetzt komplett Schluss sein? Ich kann es noch nicht so richtig glauben.

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