„Der Krieg ist eine Katastrophe“

Das Zwetajewa-Zentrum bringt eigentlich russische Kultur nach Freiburg, nun beschäftigt man sich mit Krieg

Wie geht es russischstämmigen Menschen in Freiburg und solchen, die hier in tiefer Freundschaft zu Russland verbunden sind mit dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine? Claudia Kleinhans hat mit Elisabeth Cheauré, Professorin am Slavischen Seminar der Universität Freiburg und Vorsitzende des dortigen Zwetajewa-Zentrums – hier werden die bekannten Russischen Kulturtage organisiert – sowie Margarita Augustin, der Leiterin des Kulturprogramms über die aktuelle Lage und eine Zukunft nach dem Krieg gesprochen.

Wie haben Sie beide den Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine erlebt?

Elisabeth Cheauré: Ich war in einem Schockzustand wie selten in meinem Leben. Ich konnte das nicht glauben und keinen klaren Gedanken fassen. Ich glaube, es ging allen so im Zwetajewa-Zentrum. Bis zuletzt hatten wir nicht für möglich gehalten, dass es zu so einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg kommt. Margarita Augustin: Aktuell wohnen russischsprachige Flüchtlinge aus der Ukraine bei mir zuhause. Die Familie berichtet mir aus erster Hand von der Situation kurz vor dem Krieg. Auch sie hatten nicht an einen Einmarsch geglaubt. Die Bevölkerung plante Konzerte, Theaterbesuche, Schulausflüge. Der Vater der Familie sah das anders und so waren sie noch vor dem Einmarsch bereits auf der Flucht.

Wie ist die Lage aktuell in Russland, haben Sie einen Eindruck davon, wie die russische Bevölkerung dort über den Krieg denkt?

Cheauré: Die Frage „Unterstützen Sie den Krieg?“ kann in Russland so gar nicht gestellt werden. Russische Nachrichten, Talkshows und Politsendungen berichten diametral zu westlichen Medien. Dieser Krieg wurde ideologisch und diskursiv seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten vorbereitet. Die Medien sind gleichgeschaltet, die Opposition wird unterdrückt, deshalb gibt es nur noch wenige objektive Informationsmöglichkeiten. Über „die Russen“ zu sprechen wäre dennoch ein fataler Fehler. Freilich ist zu sehen, und das schmerzt mich sehr, dass teilweise unter Tränen die Argumentation von Putin übernommen wird: „Wir müssen uns schützen, die Ukraine wollte in die NATO, wir müssen unsere Sicherheitsinteressen wahren“, aber es gibt auch sehr viele Menschen, die den Krieg scharf verurteilen und sich damit auch selbst in Gefahr bringen. Das „andere Russland“ existiert eben auch.

Das ist also ein Narrativ, das Putin aufgebaut hat?

Cheauré: Ja. Und um die Haltung vieler Russen nachvollziehen zu können, muss man dieses Narrativ kennen und in seiner Logik zur Kenntnis nehmen. Man muss es aber vor allem demaskieren und zugleich dagegen ankämpfen. Putin argumentiert in einer langen historischen Linie, diese Linie zeigt viele Ankerpunkte, die in Russland bekannt und vertraut sind, das macht dieses Narrativ in Russland in breiten Kreisen so überzeugend und zugleich hoch gefährlich. Augustin: Durch meine Tätigkeit im Kulturbereich bin ich eher mit Künstlern oder mit Menschen im Kreis um die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ verbunden. Die hatten meist immer schon eine klare Position bezogen. Die offensten Antworten bekommt man aktuell sicher von denjenigen, die das Land bereits verlassen haben. Durch Gesetze und Repressalien konnten viele schon vor einiger Zeit erkennen, in welche Richtung Russland sich unter Putin entwickeln würde – und sind gegangen. Wer geblieben ist, hat Angst und äußert sich nicht. Viele versuchen aber wenigstens im Kleinen etwas zu ändern.

Was glauben Sie, sind Putins Beweggründe für den Einmarsch?

Cheauré: Dieser durch nichts zu rechtfertigende Krieg ist eine Katastrophe. Es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, Politik- und Diplomatieversagen zu analysieren, es ist die Zeit, den Opfern zu helfen und auch diejenigen russischen Menschen nicht zu vergessen, die sich klar gegen diesen Krieg und Putin positionieren und damit sehr viel riskieren.

Wie könnte eine Zeit nach dem Krieg aussehen?

Cheauré: Wir hoffen, dass diese Zeit bald eintritt, auch wenn die Zeichen derzeit nicht gut stehen. Es wird die größte Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass die Wunden der ukrainischen Opfer dieses Krieges irgendwie heilen können, dass es für diese Opfer und die Ukraine insgesamt eine lebenswerte und friedliche Zukunft gibt. Das Zwetajewa-Zentrum will darüber hinaus einer pauschalen Diffamierung alles Russischen oder gar der russischen Kultur insgesamt entgegentreten. Wir wollen dem „anderen Russland“ eine Stimme verleihen. Die Menschen des „anderen Russland“ sind die Hoffnung für Europa. Sie sind die russischen Stimmen gegen diese Aggression und diesen Vernichtungskrieg.

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Olga Makarova hat in St. Petersburg Malerei studiert, lebt inzwischen viele Jahre in Freiburgund engagiert sich im Zwetajewa-Zentrum. Aktuell thematisiert sie in ihren Zeichnungen das Thema „Flucht". ZEICHNUNG: OLGA MAKAROVA
Prof. Dr. Elisabeth Cheauré. FOTO: V. VASIL'EVA
Margarita Augustin. FOTO: OLGA MAKAROVA