„Wohnen ist ein Menschenrecht“

Obdachlose leiden jetzt im Winter besonders unter der aktuellen Pandemiesituation – Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Freiburg fordert Maßnahmen

Eisige Temperaturen, zu wenige Übernachtungsmöglichkeiten. Für wohnungslose Menschen in der Stadt droht auch der zweite Corona-Winter zu einer massiven Belastung zu werden. Claudia Kleinhans sprach mit Lisa Müller vom Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (aks) Freiburg.

Minustemperaturen, steigende Zahlen bei den Corona-Infektionen, nun noch Omikron. Deutschland steckt mitten in der vierten Welle. Wie ist die Situation für wohnungslose Menschen in Freiburg angesichts der aktuellen Lage?

Lisa Müller: Der Winter ist für viele wohnungs- und obdachlose Menschen auch ohne Pandemie eine sehr herausfordernde Zeit und oft mit existenziellen Nöten verbunden. Sie müssen aktuell abwägen, ob sie sich von der Stadtverwaltung mit bis zu drei anderen, ihnen fremden Personen, in einem Zimmer in der Notunterkunft unterbringen lassen oder unter diesen Bedingungen draußen schlafen. Dies ist besonders kritisch, da die Gefahr an Corona zu erkranken für Menschen ohne Wohnsitz besonders groß und ein schwerer Erkrankungsverlauf deutlich wahrscheinlicher ist.

Nun herrscht bereits der zweite Winter unter Pandemiebedingungen, was hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr verbessert oder auch verschlechtert?

Müller: Durch die Pandemie und verschärfte Corona-Maßnahmen sind viele Orte zum Aufwärmen, wie beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel, Bibliotheken und Kaufhäuser schwer zugänglich für die Menschen. Ämter und Behörden haben nun auch 3G- oder sogar 2G-Regelungen eingeführt, oftmals ohne niederschwellige Testmöglichkeit vor Ort. Dies und die weiterhin unzureichende Unterbringungssituation erschweren das Leben, der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen, wesentlich. Eine kleine Verbesserung für die Betroffenen ist die Ausweitung der Öffnungszeiten von zwei Tagesstätten (Wärmestube) und die Neueinführung eines Kältebusses, der bei Minusgraden zwischen 21 und 24 Uhr nach Menschen schauen soll, die draußen schlafen. Leider scheint letzterer bisher noch nicht ganz reibungslos zu funktionieren, auch wenn es von den obdachlosen Menschen sehr positiv angenommen wird.

In einem offenen Brief kritisieren Sie die städtische Politik hinsichtlich wohnungsloser Menschen, was werfen Sie der Stadt konkret vor?

Müller: Wir müssen die Ursachen von Wohnungslosigkeit und Armut bekämpfen, nicht deren Symptome. Konkret kritisieren wir das bestehende Stufensystem der Wohnungslosenhilfe. In diesem System müssen sich Menschen erst bewähren und in Mehrbettzimmern und Wohnheimen „mietfähig“ zeigen, bevor sie eine eigene Wohnung bekommen. Auch im zweiten Pandemie-Winter werden Menschen in der Notübernachtung noch in Mehrbettzimmern zusammengesteckt, obwohl dies eine massive Gesundheitsgefährdung für sie darstellt. Mehrbettzimmer sind nicht nur während Pandemiezeiten unzumutbar: In den Unterkünften teilen sich viele Menschen Sanitäranlagen, Küche, zum Teil auch ein Zimmer. Das Konfliktpotenzial ist hoch, es gibt keinen Rückzugsort und wenig langfristige Perspektiven.

Welche Maßnahmen würden aus Ihrer Sicht notwendig sein, um die momentane Situation zu verbessern?

Müller: Die Anmietung zusätzlicher Räumlichkeiten wie Hotels, Pensionen aber auch die Nutzung anderer leerstehender Gebäude wären zumindest eine kurzfristige Verbesserung, um den erhöhten Bedarf nach Erfrierungsschutz zu decken und dabei Menschen nicht einer erhöhten Corona-Infektionsgefahr auszusetzen. Mittelfristig braucht es aus unserer Sicht ein Umdenken und eine Unterstützung nach den Prinzipien des „Housing First“-Ansatzes, um wohnungslosen Menschen eine nachhaltige Verbesserung ihrer Situation zu ermöglichen. Wohnen ist ein Menschenrecht.

Wie werden die Impfangebote angenommen, erreichen sie die Menschen auf der Straße überhaupt?

Müller: Viele obdachlose Menschen sind sehr interessiert daran sich impfen zu lassen. Jedoch sind Impfangebote, für die man online oder telefonisch Termine buchen und persönliche Dokumente wie Ausweis oder Krankenversicherung vorlegen muss, für viele nicht oder nur schwer erreichbar. Im Dezember gab es bereits eine Impfaktion, häufigere gezielte Impfangebote für diese Personengruppe sind aber in jedem Fall notwendig! Selbst dann aber ist die Hürde groß, denn die Wahrscheinlichkeit nach der Impfung eine Impfreaktion zu bekommen ist nicht gerade gering. In der Regel hält dies nur ein oder zwei Tage an, aber könnten Sie sich vorstellen, dies in einem Mehrbettzimmer in der Notübernachtung oder bei Kälte auf der Straße durchzumachen? Mit der Corona-Pandemie erleben viele wohnungslose Menschen, dass Menschen sie meiden oder ihnen mit noch mehr Misstrauen begegnen. Die Diskriminierung obdachloser-/wohnungsloser und armer Menschen nimmt zu. Von der Solidarität der ersten Zeit ist nicht mehr viel übrig geblieben.

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