„Nicht altbacken und konservativ“

Blick zurück und nach vorne: Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn im großen Wochenbericht-Interview

2021 war das zweite Jahr, das komplett im Zeichen der Pandemie stand. Mit dem Zentralen Impfzentrum konnte Freiburg immerhin positive Akzente setzen. Doch es gab auch andere Themen wie die Innenstadtkrise. Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn blickt im Gespräch mit Wochenbericht-Redaktionsleiter Sven Meyer zurück, wagt aber auch einen optimistischen Blick in die Zukunft.

Herr Horn, wenn man auf das Jahr 2021 in Freiburg zurückblickt, fällt einem sicherlich das Zentrale Impfzentrum an der Messe ein. Erfüllt Sie das, was dort geleistet wurde, mit Stolz?

Martin Horn: Na ja, mit Stolz? Ehrlicherweise hätten wir doch alle ganz gerne auf Impfzentren und deren Notwendigkeit verzichtet – aber ja, es war ein Erfolg, der auf dem großen Engagement verschiedener Akteure – namentlich Uniklinik, FWTM und Stadtverwaltung – beruht. Wir haben alle gemeinsam angepackt. Damit haben wir Pioniergeist bewiesen, denn es gehörte zu einem der ersten geöffneten Zentralen Impfzentren in Baden-Württemberg. Fast eine halbe Million Erst- und Zweitimpfungen in der ersten Phase sprechen Bände. In der zweiten Phase werden wir mit den Booster-Impfungen diese Erfolgsgeschichte fortschreiben. 100.000 Impfangebote in einem Monat, wir haben Wort gehalten.

Wie würden Sie rückblickend sagen, ist Freiburg durch das schwere Corona-Jahr 2021 gekommen?

Horn: Nach dem dramatischen Start mit dem heftigen Ausbruch im Frühjahr 2020 haben wir eigentlich monatlich dazugelernt und Erfahrung gewonnen. Daher haben wir 2021 vieles gut gemacht. Freiburg liegt in Baden-Württemberg ganz weit vorne, was die Impfquote angeht. Im Jahresdurchschnitt weisen wir mit die niedrigsten Inzidenzwerte im Land auf. Nicht vergessen darf man die sehr gut funktionierende Kommunikation auf verschiedenen Ebenen. Ich denke, jeder sieht, dass wir alle Informationen, die wir erhalten haben, stets ganz transparent und zügig weitergegeben haben. Das war eine echte Kraftanstrengung.

Eine negative Folge von Corona, das Veränderungsprozesse beschleunigt hat, ist die Krise des Einzelhandels und somit auch der Freiburger Innenstadt. Die angekündigte Schließung der Kaiser-Modeläden löste eine regelrechte Schockwelle aus. Wie kann die Stadt dem Handel helfen?

Horn: Ja, das war wirklich für uns alle ein Schock. Als Traditionshaus mit großem sozialen Engagement handelt es sich um ein Vorzeigeunternehmen, das viel zum Image der Innenstadt beigetragen hat. Leider spielt hier auch der Strukturwandel in der Modebranche hin zum Online-Shopping eine zentrale Rolle. Damit die Menschen aber weiter in die Innenstadt kommen und lokal kaufen, tun wir sehr viel für die Freiburger Innenstadt und werden in Zukunft noch mehr tun.

Können Sie das konkretisieren?

Horn: Mit Begrünung, neuen Sitzgelegenheiten und Einzelaktionen haben wir bereits kurzfristige Maßnahmen lanciert. In einem Innenstadt-Kolloquium werden wir auch langfristige Strategien zur Stärkung der Innenstadt diskutieren. Zudem sind wir sehr froh, dass wir vom Bund Fördergelder in Höhe von 900.000 Euro zugeteilt bekommen haben, die ebenfalls in die Innenstadt fließen werden. Das Öffnen von Pop-Up-Stores geht auf die FWTM zurück und ist ein Erfolg. Außerdem haben wir aktuell so gut wie keinen Leerstand. Mit aller Macht und Kraft werden wir dafür arbeiten, dass das so bleibt. Daher gibt es auch seit März einen Innenstadtkoordinator. Eines steht außer Frage: Freiburg lebt von einer attraktiven Innenstadt mit starkem Einzelhandel. Ich kann daher nur alle Freiburgerinnen und Freiburger dazu aufrufen, die Händler vor Ort zu unterstützen. Eine Maßnahme möchte ich auch noch erwähnen: Ich freue mich, dass wir die erweiterte Außenbewirtung für die Gastronomie für ein weiteres Jahr verlängert haben. Das ist eine echte Win-Win-Geschichte, die die gesamte Stadt aufwertet.

Klimaproteste und die Forderung nach ehrgeizigeren Maßnahmen prägten neben Corona das zurückliegende Jahr. Tut die Stadt auf diesem Feld genug?

Horn: Das Jahr 2021 war ein Meilenstein für den Klimaschutz in Freiburg. Im Mai haben wir im Gemeinderat einen 2-Milliarden-Haushalt verabschiedet und einer der zentralen Schwerpunkte ist dabei der Klimaschutz verbunden mit massiven Investitionen in klimafreundliche Mobilität. Im Rahmen der Klima-Offensive wollen wir den Zeitpunkt der angestrebten Klimaneutralität nach vorne legen: Vom Jahr 2050 auf das Jahr 2038. Das ist ein ehrgeiziges Ziel mit dem wir sogar zwei Jahre früher dran wären als das Land. Aber klar muss auch sein, dass wir bei allen Anstrengungen als Stadt nur ein Drittel der CO2-Einsparungen selbst beeinflussen können.

Was wurde rückblickend konkret erreicht?

Horn: An erster Stelle denke ich da an das Wärmenetz 4.0. Mit industrieller Abwärme aus der Produktion der Schwarzwaldmilch und mit einer effizienten Vernetzung ihrer bestehenden Heizkraftwerke schafft die Badenova in den nächsten vier Jahren ein Wärmenetz der vierten Generation für die Stadtteile Haslach, Stühlinger und Vauban. Es handelt sich dabei um ein mit 36 Millionen Euro an Investitionen umfassendes Modellvorhaben, das vom Bundeswirtschaftsministerium wegen seines Vorbildcharakters gefördert wird. Damit sparen wir massiv CO2 ein. Des Weiteren wird sich die Stadt bis 2028 mit 120 Millionen Euro am Zukunftsfonds Klimaschutz beteiligen. Damit sollen konkrete Klimaschutzprojekte finanziert werden. Eine weitere zentrale Maßnahme ist der CO2-Check, den wir im Gemeinderat beschlossen haben. Das wird der Maßstab für alle 150 Maßnahmen sein. Darum geht es am Ende: Möglichst viel CO2 pro investierten Euro einzusparen.

Finanzieren muss den Klimaschutz am Ende der Bürger, was, wie man bei der hitzigen Debatte ums Anwohnerparken sieht, nicht immer konfliktfrei abläuft.

Horn: Das ist richtig. Und ich denke auch, im Bundestagswahlkampf war es ein Fehler, dass stets der Eindruck vermittelt wurde, die Klimawende würde uns alle nichts kosten. Das ist realitätsfern. Effektiver Klimaschutz wird in einzelnen Feldern immer auch zu Verzicht oder steigenden Kosten führen. Die Verwaltung hatte ursprünglich eine schrittweise Erhöhung geplant, aber der Gemeinderat hatte anders entschieden. Was jedoch begrüßenswert ist: Alle Gelder daraus fließen in klimafreundliche Mobilität.

Wechseln wir zu einem Thema, das Ihr Markenzeichen ist: Social Media. An Ihrer sehr offensiven Art über Social-Media-Kanäle zu kommunizieren, gab es Kritik. Können Sie das nachvollziehen?

Horn: Ehrlich gesagt kann ich über diese immer wieder aufflammende Diskussion nur den Kopf schütteln. Wir erreichen über Social Media über 300.000 Konten im Monat. Die Bedeutung einer modernen Kommunikation, die halt nicht nur altbacken und konservativ daherkommt, sondern transparent und authentisch kommuniziert, ist doch immens wichtig. Ich habe den Eindruck, die, die das immerzu kritisieren, sind selbst gar nicht auf Social Media unterwegs und verstehen das gar nicht. Gerade in Zeiten der Pandemie haben wir viele Zehntausende erreicht und konnten deren Fragen beantworten. Das ist ein großer Mehrwert. Und wenn sich jemand ernsthaft daran stört, dass ich manchmal ein bisschen Witz und Selbstironie reinbringe, dann soll die Person sich halt ärgern. Dafür ist mir meine Zeit zu schade... (lacht)Lesen Sie das Interview bitte weiter auf der Seite 3.

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