Wie schnell darf es künftig sein?

Für den ADAC Südbaden ist die Debatte ums Tempolimit auf deutschen Autobahnen kein Tabu mehr – Experte im Gespräch

In Deutschland gibt es kein Tempolimit auf der Autobahn. Das ist eine weltweite Rarität. Doch der Zeitgeist wandelt sich. Inzwischen gilt selbst Formel-1-Pilot Sebastian Vettel als glühender Verfechter von weniger km/h abseits der Rennstrecke. Dennoch tun sich manche Politiker bei uns mit dem Thema schwer. Und auch der ADAC galt lange als Gegner. Mittlerweile ist das Thema aber für den Verein kein Tabu mehr, so der südbadische Verkehrs- und Technikvorstand des ADAC Reinhold Malassa im Gespräch.

Herr Malassa, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen ist seit vielen Jahren ein politisches Streitthema, obwohl zuletzt sogar die Grünen ihre Haltung dazu aufgeweicht haben. Wo positioniert sich in dieser Debatte der ADAC in Südbaden?

Malassa: In der Mitte. Wir haben eine Mitgliederbefragung dazu durchgeführt, die ist in etwa fifty-fifty ausgegangen. Einige sind unentschlossen. Wir sind jedenfalls von unserer langjährigen Position abgerückt, wonach ein Tempolimit mit uns nicht zu machen sei. Rund 30 Prozent der Autobahnen in Deutschland sind bereits temporeduziert. Und beispielsweise an Unfallschwerpunkten haben wir auch keine Einwände gegen weitere Tempolimits.

Es ist aber auch einen Frage der Klimapolitik.

Malassa: Richtig. Wenn man den CO2-Ausstoß anschaut, sieht es etwas anderes aus: Da würde den Gutachten zufolge ein Tempolimit eine Reduktion von zwei Millionen Tonnen im Jahr bedeuten. Etwa zwei Prozent. Das ist eine Verhandlungsmasse und es überrascht mich, dass die Grünen da so schnell gesagt haben: Am Tempolimit und somit am CO2 wird die kommende Koalition nicht scheitern. Da sagen sogar wir als ADAC: Diese Debatte können wir nicht ignorieren. Wobei man sich bewusst machen muss: Das Problem sitzt nicht unter der Motorhaube, es sitzt hinterm Steuer. Wenn ich absichtlich sehr hochtourig fahre, produziere ich sehr viel mehr CO2.

Das Argument, wonach ein Tempolimit zwangsläufig weniger Verkehrstote mit sich bringen würde, teilen Sie in der Pauschalität nicht?

Malassa: Man kann die Frage eben nicht seriös beantworten, wenn man Strecken in Betracht zieht, auf denen es kaum Unfälle gibt. Da kann man keine vernünftige Prognose abgeben. Die Vision, gar keine Verkehrstoten mehr zu haben, ist nicht realistisch, da es immer Fahrfehler und andere Unfallursachen geben wird, die von Verkehrsteilnehmern selbst verursacht werden. Sie werden immer Geisterfahrer haben oder Lkw, die irgendwo ins Stauende rasen, weil sie ihr Assistenzsystem abgeschaltet haben. Das ändert auch ein Tempolimit nicht.

Auf der A5 wäre man häufig froh, man könnte überhaupt 130 fahren. Welche Folgen hätte das Tempolimit in dieser Hinsicht?

Malassa: Der Verkehrsfluss würde nicht besser werden durch ein Tempolimit. Die Prognosen sagen aber eh mehr Verkehr auf unseren Autobahnen voraus.

Dieses Freiheitsgefühl nach dem Motto „freie Fahrt für freie Bürger“ ist auch ein Teil der Debatte, oder?

Malassa: Es ist schon komisch, dass nur wir Deutschen und ein paar Nachbarn, die gern zum schnell fahren über die Grenze kommen, so empfindlich sind. Diese Psychologie kriegt man nicht aus den Köpfen. Da helfen auch Tempolimits und Kontrollen wenig, es sei denn, man verhängt so drakonische Strafen wie in der Schweiz. (bp)

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