Die Schienen-Revolution

Mit der Tram kam der Strom: Seit 120 Jahren fahren in Freiburg Straßenbahnen

Am 14. Oktober 1901 fiel der Startschuss, und es begann in Freiburg ein neues Zeitalter: die sogenannten Pferdeomnibusse in der Stadt wurden durch „die Elektrischen“, wie man die Straßenbahnen damals nannte, ersetzt. Heute ist die Tram auf einer Streckenlänge von über 40 Kilometern ein vertrauter Anblick in der Stadt. Vor 120 Jahren war das neue Verkehrsmittel das, was man heute als echten „Gamechanger“ bezeichnet. Ein Blick in die Geschichte mit VAG-Vorstand Stephan Bartosch macht klar, wie bedeutend dieser Schritt damals war, denn mit der Tram kam auch der Strom in die Stadt. Ein eigens errichtetes E-Werk an der Dreisam versorgte nicht nur das Straßenbahnnetz, sondern auch rund 20.000 Glühbirnen in neueren Gebäuden, eine elektrische Straßenbeleuchtung und deckte den Strombedarf der Uni. Insgesamt war das ein Quantensprung für die Stadt. Autos spielten damals als Statussymbol der neuen Zeit praktisch keine Rolle in der 60.000 Einwohner zählenden Schwarzwaldhauptstadt: Weltweit wurden 1900 nämlich noch keine 10.000 Autos im Jahr gebaut.
„Mit der Tram mitgefahren sind viele Bürger damals“, so Stephan Bartosch im Rückblick. „Die Straßenbahn mit ihren zwei Linien vom Rennweg zur Lorettostraße und nach Günterstal und die drei Monate später eingeweihte Linie vom Hauptbahnhof bis an den heutigen Alten Messplatz wurden sehr gut angenommen. Freiburg wollte modern werden, der damalige OB Otto Winterer war da ein echter Antreiber.“
Im Großherzogtum Baden war Freiburg zwar nicht die erste Stadt mit einer elektrischen Straßenbahn. Dafür aber waren die Stromabnehmer, die hier eingesetzt wurden, moderner als andernorts, so Bartosch weiter. Hindernisse und Ärger gab es aber auch. Zum Beispiel das laute schabende Geräusch in den Kurven, das der Tram den Spitznamen „Hobel“ einbrachte. Außerdem, so Stephan Bartosch, sollen damals viele Landwirte ihre Gemüsekarren so umgebaut haben, dass man sie auf dem Weg zum Markt auf den Tramgleisen hinter sich herziehen konnte. Die Tram war zwar mit rund 10 bis 11 km/h auch kein D-Zug und benötigte für die Fahrt vom Hauptbahnhof in den Osten der Stadt fast eine Viertelstunde. Aber schneller als ein Karren voller Kohl war sie schon. Entsprechend verschnupft war man seitens der Bahnbetreiber.
Mindestens zwei Mitarbeiter brauchte es, um vor 120 Jahren eine Straßenbahn durch Freiburg zu bugsieren: Den Zugführer und den Schaffner, der nicht nur Fahrkarten verkaufte, sondern auch die Türen des Wagens für die Fahrgäste öffnen musste, weil das noch nicht automatisch ging. Mit der Uniform ausgestattet seien Schaffner und Zugführer richtige Respektspersonen gewesen, so der VAG-Vorstand. Wenngleich der Komfort in den Zügen eher spärlich war. „Fensterscheiben haben die Wagen zwar schon gehabt“, berichtet Stephan Bartosch. „Aber vorn und hinten waren sie offen, und da hat es ganz schön gezogen!“

Bernd Peters
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