Querdenker: „Laut und aggressiv“

Der Einfluss der Freiburger Szene reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus – Radikalisierung über Telegram

Mit einer Anti-Impf-Demonstration vor den Angell-Schulen hatte die Freiburger Querdenker-Szene erst kürzlich wieder auf sich aufmerksam gemacht. Sebastian Müller, bekannter und umtriebiger Altstadtrat, hat sich mit der regionalen Szene von Beginn an beschäftigt, immer wieder Gegenaktionen gestartet. Mit Claudia Kleinhans hat er über zunehmende Radikalisierung, Verschwörungstheorien und die Hintergründe der Bewegung gesprochen.

Herr Müller, was war da eigentlich vor den Angell-Schulen los?

Sebastian Müller: An diesem Tag gab es im Angell ein Impfangebot für Schülerinnen und Schüler. Direkt morgens um 7.30 Uhr haben sich hier dann rund 150 Menschen versammelt und haben verbal aggressiv dagegen demonstriert. Sie haben damit gedroht, Impfpersonal, Lehrer würden zur Verantwortung gezogen – und das wenige Tage nach dem Mord in Idar-Oberstein.

Waren das mehrheitlich Eltern oder wie schätzen Sie das ein?

Müller: Ich will nicht ausschließen, dass da auch einzelne Eltern dabei waren, hauptsächlich waren es aber bekannte Gesichter aus der südbadischen Szene.

Wie breit ist die Bewegung bei uns eigentlich aufgestellt?

Müller: Der Einzugsbereich der Freiburger Gruppierungen reicht etwa von Lahr bis Lörrach, teilweise waren auch Fahrzeuge mit Schweizer Kennzeichen bei den Autokorsos dabei. Maximal kann die Bewegung etwa 300 Personen mobilisieren. Zu den Autokorsos dienstags kommen etwa 25 Fahrzeuge. Sowohl durch Auftreten, als auch Inhalte ist sie aber kaum mehrheitsfähig. In Baden-Württemberg hat der politische Arm der Querdenker, die Partei „Die Basis“, insgesamt überdurchschnittlich abgeschnitten und hat etwa seine Hochburgen im Südschwarzwald und Markgräflerland, am Bodensee und in der Ortenau.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit den Querdenkern und Corona-Maßnahmen-Gegnern in Freiburg?

Müller: Der Protest begann recht schnell nach den ersten Maßnahmen, ich würde sagen im April 2020, mit ersten Demos auf dem Münsterplatz und am Platz der Alten Synagoge. Ab dann war ich als Beobachter oft dabei. Dass ich Gegendemos angemeldet habe, begann dann etwa im Herbst.

Sind Sie damit auch selbst in den Fokus der Szene geraten?

Müller: Ja, es gab schon Anfeindungen, Bedrohungen und Aktionen gegen mich. Davon will ich mich aber nicht beeindrucken lassen.

Aus welchem politischen Lager rekrutieren sich die Freiburger Querdenker Ihrer Ansicht nach?

Müller: Viele kommen aus einem öko-esoterischen Milieu – ganz im Gegensatz etwa zu Fridays for Future, die ich eher als Klima-rational einschätzen würden. Und es gibt da viele Verschwörungsgläubige. Die Bewegung ist rechtsoffen, wer sich abgrenzen will wird rausgemobbt und durch ihre sozialdarwinistische Ausrichtung ist sie leicht anschlussfähig nach weit rechts. Damit meine ich, wer sagt, er müsse sich nicht einschränken, weil die Krankheit vermeintlich nur Alte, Kranke und Schwache betrifft, der hat im Kern einen sozialdarwinistischen Ansatz.

Wie wichtig sind Plattformen wie Telegram für die Szene?

Müller: Enorm wichtig. Hier findet in den spezifischen Gruppen Austausch unter Gleichgesinnten statt. Man verstärkt seine Haltung gegenseitig. Auch organisatorisch wird fast alles über diese Netzwerke geregelt. Zudem löscht oder sperrt Telegram keine Inhalte. Sie werden lediglich schwerer zugänglich gemacht.

Was treibt die Querdenker gerade um, da nun viele Maßnahmen gefallen sind?

Müller: Aktuell werden in den Telegram-Gruppen der Freiburger Szene massiv Aufrufe gepostet, sich an das Kultusministerium zu wenden und ein komplettes Ende der Maskenpflicht für Kinder an den Schulen zu fordern. Ich fürchte, das erweckt den Eindruck, es sei die Mehrheit der Eltern.

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