Sorgen um die Innenstadt

Das Aus für die Kaiser Modehäuser befeuert die Debatte über die Zukunft des Stadtzentrums

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein: Kaiser schließt nach über 70 Jahren alle drei Geschäfte in der Freiburger Innenstadt. 215 Mitarbeiter müssen sich bis Ende Juni 2022 neue Jobs suchen. Das Aus für die Freiburger Einzelhandels-Ikone hat die Debatte um die Zukunft der Innenstadt neu entfacht.Die angekündigte Schließung des familiengeführten Traditions-Modehauses hat großes Bedauern ausgelöst. Grund für den dramatischen Schritt ist laut Inhaber Frank Motz die fehlende Zukunftsperspektive. Die übermächtige Konkurrenz des Onlinehandels und die Corona-Pandemie hätten für Umsatzverluste in Millionenhöhe gesorgt.
„Es finden derzeit große Umwälzungen statt, die zumindest zu Teilen jenseits der kommunalen Ebene bestimmt werden. Wie bei allen Transformationsprozessen verlaufen diese nicht geradlinig und leider gibt es Verlierer“, erklärt die städtische Wirtschaftsförderin und FWTM-Chefin Hanna Böhme mit Betroffenheit in der Stimme. Was beim Modehaus Kaiser nachdenklich stimme, sei die Tatsache, dass dieses Unternehmen augenscheinlich alles richtig gemacht habe und trotzdem keine Chance mehr sehe.
Thomas Krüger, der an der Hafen-City-Universität Hamburg den Fachbereich Stadtplanung leitet, gilt auf seinem Gebiet als Koryphäe. Im Gespräch mit dem Wochenbericht erklärt der Stadtforscher, dass der Konsum in den Innenstädten in Zukunft eine geringere Rolle spielen werde. „Wenn ein Drittel des Umsatzes im Internet stattfindet, hat das zwangsläufig Auswirkungen auf die Flächen, aber auch auf die Ladenmieten“, betont er. Allerdings sei die Stadt als Markt eine menschliche Konstante, die allem Wandel zum Trotz nicht verschwinden werde. Die Veränderung des Innenstadthandels werde sich jedoch weiter beschleunigen.


Retouren sind ein Problem
Eine Folge: Kleine, inhabergeführte Läden werden die größten Probleme haben – insbesondere, wenn sie die Umstellung auf Multi-Channel-Vertrieb – also online und stationär – verpassen oder in ihrem Sortiment zu beliebig sind. Zudem würden zusätzliche Dienstleistungen und Erlebnisfaktoren an Bedeutung gewinnen. Wie es erfolgreich gehe, bewiesen einige große Ketten mit dem Trend zum glamourösen Flagship-Store.
Für den inhabergeführten Modehandel bedeute dies allerdings, dass, wenn er keinen großen Konzern im Hintergrund habe, er es besonders schwer habe, da keine andere Branche so viele Waren-Retouren habe, was bei kleinen bis mittelgroßen Häusern schnell zum Minusgeschäft werden könne. Dennoch betonte Krüger, sähen die Zukunftsperspektiven für die Freiburger Innenstadt viel besser aus als die vieler anderer Städte. Die Verzahnung innerhalb der Stadt sei auch dank der zentral gelegenen Uni überragend. Die Atmosphäre stimme. Zudem habe man nicht den Fehler begangen, Shopping-Center auf der grünen Wiese gebaut zu haben. Nicht zuletzt habe Freiburg als Oberzentrum eine bedeutende Magnetfunktion für die gesamte Region. Konkurrierende Städte gebe es nicht.
Desweiteren prognostiziert Krüger, dass zwar die Erdgeschosse in Lagen wie der Freiburger Innenstadt für den Handel weiterhin attraktiv bleiben würden. Oberhalb des ersten Obergeschosses werde der Handel jedoch verschwinden und durch Wohnen und Büros ersetzt. Für B-Lagen prognostiziert er den Trend hin zu kreativen Pop-Up-Stores. Zudem werde es eine Renaissance von Festen und Kulturveranstaltungen im öffentlichen Raum geben. Begegnungen mit Event-Charakter seien gefragt. „Uniformität ist hingegen eher etwas, was Leute abschreckt. Wenn man es gut macht, ist der öffentliche Raum keine Durchgangsstation, sondern selbst ein Ort, an dem was stattfindet“, so Krüger.


Die Krux mit dem Verkehr
Philipp Frese, Präsident des Handelsverbands Südbaden, erklärt, Freiburg müsse als Oberzentrum vor allem gut erreichbar sein und den Besuchern das Gefühl vermitteln, willkommen zu sein. Als Punkte, über die nachgedacht werden müsse, nennt er hohe Parkhausgebühren und die in einigen anderen Städten praktizierte Idee des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs, zum Beispiel an Samstagen. „Wir hatten die Freikarten-Aktion der VAG. Ich weiß, dass andere Städte weitergehen, aber das ist eine Frage des Geldes“, erklärt Hanna Böhme. Dass Staus und vermeintlich hohe Parkhausgebühren eine Rolle spielten, gehe aus Umfragen hervor.
Begrüßen würde Frese zudem eine Allianz für verkaufsoffene Sonntage. Als hohe Hürden empfänden die Händler indes die vielen Demonstrationen, die mitunter ganze Geschäftstage kaputt machten. Auf der anderen Seite stelle die Verwaltung die Händler vor extrem hohe bürokratische Hürden, wenn es etwa um Umbauten gehe. Ausdrücklich begrüßt der Handel konstruktive Ansätze wie den Innenstadt-Koordinator.

Sven Meyer
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