„Prognose besser, je schneller reagiert wird“

Die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik in Freiburg arbeitet in Pandemiezeiten am Limit – Interview mit dem Ärztlichen Direktor

Corona geht auf die Gesundheit – und zwar nicht nur auf die körperliche sondern auch auf die seelische. Deshalb ist die Nachfrage nach Behandlung in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter in Freiburg aktuell besonders hoch. Warum das so ist und wie es in Zukunft weitergehen soll, darüber hat Claudia Kleinhans mit Professor Christian Fleischhaker, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Klinik, gesprochen.

Herr Fleischhaker, leiden Kinder besonders unter der Pandemie und ihren Auswirkungen?

Christian Fleischhaker: Wir haben schon den Eindruck, dass die Kinder, aber auch die Jugendlichen und Studenten bis etwa 25 Jahren, durch die verschiedenen Maßnahmen, vor allem aber die Lockdowns, in beträchtlichem Maße beeinträchtigt waren. Nicht nur fanden in Schulen und Universitäten keine Präsenzveranstaltungen statt, auch Vereine, Jugendgruppen und ähnliches hatten ihr Angebot eingestellt. Das hat die vulnerablen Kinder und Jugendlichen besonders hart getroffen.

Haben die Behandlungsanfragen im Laufe der Pandemie zugenommen?

Fleischhaker: Im Vergleich der ersten Quartale 2020 zu den ersten Quartalen diesen Jahres haben wir einen Anstieg der Notfallanfragen um rund 30 Prozent. Zu Beginn der Pandemie haben viele wegen der Ansteckungsgefahr noch auf einen Gang in die Kliniken verzichtet, viele hatten sich zu dieser Zeit später an uns gewandt als üblich.

Mit welchen Symptomen kommen betroffene Kinder und Jugendliche denn meist zu Ihnen?

Fleischhaker: Wir sehen viele depressive Erkrankungen und viele Angststörungen die Richtung Schulvermeidung gehen, wie Schulphobien. Überrascht hat uns die hohe Anzahl an schwersten Anorexien, also Magersucht. Von 27 Betten waren in diesem Sommer 15 mit schwer magersüchtigen Mädchen und Jungen belegt.

Muss man im Zuge der Pandemie mit Langzeitschäden bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen rechnen?

Fleischhaker: Notwendig ist eine schnelle Diagnostik und Behandlung. Die Prognose zur Behandlung von kinderpsychiatrischen Behandlungen wird umso besser, je schneller adäquat reagiert wird.

Gibt es bei Ihnen aktuell eine Warteliste für die Aufnahme zu einer stationären Behandlung?

Fleischhaker: Ja, und diese ist in diesem Jahr noch länger geworden als sie es bisher schon war. Vor der Pandemie waren es, auch das ist aus fachlicher Sicht schon absurd, drei bis sechs Monate. Inzwischen sind wir bei sechs bis neun Monaten Wartezeit angekommen. Das hat aber zudem den Hintergrund, dass die Kinderpsychiatrie mit den stationären Betten und tagesklinischen Plätzen in Baden-Württemberg weitaus schlechter aufgestellt ist als im Bundesdurchschnitt. Im Großraum Freiburg haben wir in Bezug auf die Betten nur 60 Prozent der Ressourcen, die man sonst im Mittel in der Bundesrepublik hat. Diese Situation hat sich durch die Pandemie nochmals verschärft.

Was bedeutet das im Moment für diejenigen, die sich hilfesuchend an Sie wenden?

Fleischhaker: Von den rund 500 Aufnahmen die wir im stationären Bereich haben sind etwa 70 Prozent Notfallaufnahmen. Wer nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht ist kommt auf die Warteliste. Hier versuchen wir die Patienten und Patientinnen mit ambulanten Angeboten über Wasser zu halten damit sie nicht zu einem akuten Notfall werden. Das ist in der letzten Zeit so eskaliert, dass es nun gemeinsame Pläne von Land und Klinikum gibt, in den kommenden Monaten neue Ressourcen aus dem Boden zu stampfen.

Das heißt konkret?

Fleischhaker: Wir haben momentan ein tagesklinisches und ambulantes Konzept entwickelt, um die kinderpsychiatrischen Folgen der Pandemie in der Region bewältigen zu können. Dieses wird aktuell mit den Kostenträgern diskutiert.

Bereits Mitte August hat das Sozialministerium des Landes eine Task Force gegründet, um die Kapazitäten in ihrem Bereich deutlich aufzustocken, wie bewerten Sie dieses Vorhaben?

Fleischhaker: Ja, wir haben auch ganz konkrete Vorschläge gemacht. Hier geht es auch darum wie rasch man an zusätzliche Räumlichkeiten und Personal kommt.

Zurück