Schulen im Dauerstress

Freiburger Fall zeigt: Schon ein Coronafall kann 74 Kinder und ihre Lehrkräfte in Quarantäne schicken

Die Situation an den Schulen ist das wohl heißeste Pandemie-Thema. Laut wissenschaftlichen Simulationen wird es im Herbst einen exponentiellen Anstieg der Coronafallzahl geben. Besonders betroffen werden dann die Schulen sein. Was auf Schüler und ihre Eltern zukommen könnte, zeigt ein aktueller Fall an der Freiburger Lorettoschule.
Einen Vorgeschmack auf den Herbst erleben derzeit rund 70 Familien, deren Kinder auf die Loretto-Grundschule im Stadtteil Wiehre gehen. An der Einrichtung hatte es eine bestätigte Infektion mit dem Coronavirus gegeben, was zur Folge hatte, dass gleich vier Schulklassen in Quarantäne gehen mussten. Die Schülerinnen und Schüler sind seither in ihren Häusern isoliert. Und das für 14 Tage, ohne die Möglichkeit, sich vorher freitesten zu können. „Da man ja die Cluster kennt, gibt es sicher pragmatischere Lösungen, wie zum Beispiel eine Quarantäne, aus der sich Schüler nach fünf Tagen freitesten und dann unter Maskenpflicht zurück in den Unterricht kehren können. Dass trotzdem für 14 Tage außerschulische Aktivitäten wie Sportvereine untersagt wären, wäre ein möglicher Kompromiss“, schlägt der Infektiologe Jan Thoden vor, der als Vater einer Schülerin selbst betroffen ist.
Die drastische Maßnahme ist eine Reaktion auf die ansteckendere Delta-Variante. Seit dem Fall geht in vielen Familien mit schulpflichtigen Kindern die Sorge um, dass ein Coronafall an der Schule die Pläne für den Urlaub verhageln könnte. Heikel ist das auch im Hinblick auf den Herbst: Auch geimpfte Personen – sprich: die meisten Eltern – können derzeit bei Kontakt mit der Delta-Variante in Quarantäne geschickt werden. Genau dieser Umstand sorgt aktuell in Großbritannien für teils chaotische Zustände.
Das Kultusministerium Baden-Württemberg wähnt sich für die Zeit nach den Sommerferien gerüstet. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird es in den ersten beiden Wochen nach den Ferien inzidenzunabhängig eine Maskenpflicht geben, um dem Risiko durch Reiserückkehrer Rechnung zu tragen. Generell gilt ohnehin ab einer Inzidenz von 35 die Maskenpflicht im Klassenraum. Ab einer Inzidenz von 50 auch im Freien, auf dem Schulhof.
Ein weiterer Baustein, der für einen möglichst sicheren Präsenzunterricht sorgen soll, ist das Testkonzept der Landesregierung. Die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte werden dabei regelmäßig (zweimal pro Woche) auf eine Infektion mit dem Virus getestet. Möglich sind im Rahmen der Teststrategie der Landesregierung aber ebenfalls Pool-PCR-Tests, wie sie Freiburg bereits anwendet. In Räumen, die nicht ausreichend belüftbar sind, sollen mobile Luftreiniger für Abhilfe sorgen. Je nach Situation und bei neuen Erkenntnissen soll das Konzept nachjustiert werden.
Christoph Nitschke, der Rektor der Lorettoschule, hält das Sicherheitskonzept für stimmig. Auch nach der Sommerpause will die Grundschule an dem Cluster-Konzept festhalten. Das heißt: Pro Stockwerk sind jeweils 4 Klassen untergebracht, die sowohl zeitlich, was die Pausen angeht, als auch räumlich (separater Treppenaufgang) von den anderen Klassen getrennt sind. Einzelne Klassen dürfen das Schulgelände nur gestaffelt verlassen. „Unsere oberste Maxime ist es, mit Hilfe der Hygienemaßnahmen sowie der räumlichen Trennung die Anzahl der Kinder in Quarantäne so klein wie möglich zu halten“, betont Nitschke und ist sich gleichzeitig bewusst, dass es im Herbst „unmöglich“ sein dürfte, weitere Coronafälle gänzlich zu unterbinden.
„Solange nicht auch für alle Kinder und Jugendlichen ein zugelassener und empfohlener Impfstoff zur Verfügung steht, müssen vor allem die Erwachsenen das Durchimpfen übernehmen“, appelliert die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper und fügt an: „Unsere Kinder schützen wir so lange vor allem mit unseren anderen Sicherheitsmaßnahmen, um ihnen möglichst viel Präsenzbetrieb ab September zu gewährleisten. Denn diese Normalität und Freiheit wollen und brauchen sie nach den zurückliegenden Monaten, in denen gerade die Jüngsten viel zurückstecken mussten und eine große gesellschaftliche Last für uns Erwachsene getragen haben“.

Sven Meyer

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