Der lange Schatten von Corona

Wenn Corona nicht mehr weggeht: Das „Long-Covid-Syndrom“ macht manchen Patienten schwer zu schaffen

Sie sind eher jung, von Covid-19 genesen, und doch sind sie nicht mehr die Alten: ehemalige Corona-Patienten, die am sogenannten „Long-Covid-Syndrom“ leiden, können depressiv, vergesslich und arbeitsunfähig werden. „Die Symptome können fast jedes System im Körper betreffen“, so die Psychiaterin Sabine Hellwig von der Uniklinik Freiburg. Über eine akute Corona-Erkrankung hinaus dominieren Probleme wie Müdigkeit und depressive Störungen, aber auch andauernde Atemnot, die britischen Untersuchungen zufolge bis zu 20 Prozent aller Corona-Patienten und bis zu 70 Prozent der schwer an Covid-19 Erkrankten erfassen. In Deutschland gehen Experten davon aus, dass mindestens zehn Prozent der 3,5 Millionen bisher an Covid-19 erkrankten Menschen langfristige Probleme bekommen könnten, so der Psychiater und emeritierte Klinikchef Mathias Berger, der in Freiburg das Bündnis gegen Depressionen leitet.
Im Mai 2020 wurde das Thema „Long Covid“ in den britischen Medien erstmals erwähnt. Ein Jahr später gibt es eine immer bessere Forschungslage dazu: In der Schweiz haben Untersuchungen an über 400 Patienten beispielsweise gezeigt, dass rund 40 Prozent aller ehemaligen Corona-Patienten noch Monate nach der Krankheit ärztlichen Rat benötigen und in fast der Hälfte der Fälle noch nicht wieder voll arbeitsfähig wurden. Selbst sechs Monate nach der Erkrankung lasse sich immer noch ein erhöhter Bedarf an Antidepressiva, Schmerz- und Schlafmitteln wissenschaftlich nachweisen, so Sabine Hellwig. In der Post-Corona-Ambulanz der Uniklinik Freiburg haben sich im vergangenen Jahr ebenfalls häufig Patienten mit Müdigkeits- und Konzentrationsproblemen nach einer Corona-Erkrankung gemeldet.


Nebel im Gehirn
„Diese Störungen, die auch als ’Brain Fog’ (Hirnnebel) bekanntgeworden sind, sind messbar“, betont Sabine Hellwig. Bei kognitiven Tests an Patienten mit „Long-Covid“-Problemen in Skandinavien habe man gesehen, dass Corona langfristig zu Lernproblemen führt, die sich auch bei Gehirnscans physisch in Form eines reduzierten Stoffwechsels nachweisen lassen: Corona-Viren setzen sich gern in der Nase fest und kommen dadurch in die Nähe des limbischen Systems im Gehirn, das für unsere Gefühlslagen verantwortlich ist.
Kleinste Gefäßschäden in der Akutphase der Corona-Infektion würden so den Weg ebnen für langfristige Entzündungen unterhalb der Gehirnrinde. Besonders häufig seien Frauen betroffen, die bereits eine Vorgeschichte mit Angststörungen oder depressiven Episoden haben. Weitere Risiken: Übergewicht, Asthma, ein schwerer Corona-Verlauf und ein Lebensalter über 50 Jahren.
Therapeutisch sinnvoll bei der Behandlung von „Long-Covid-Syndrom“-Patienten sei eine Kombination von Psychotherapie und stimulierenden Medikamenten, so Hellwig. Auch Bewegungsübungen wie Tai Chi oder Yoga hätten sich als positiv erwiesen, so die Freiburger Medizinerin.
Letztlich seien auch funktionierende soziale Kontakte, gesunde Ernährung und „meditative Elemente“ nicht zu vernachlässigen. Langfristig sei die Prognose gut: Drei Viertel der Patienten in der Schweizer Studie hätten nach sechs bis acht Monaten die „Long-Covid“-Symptomatik überwunden, so Hellwig. Und: Auch eine Corona-Impfung helfe, langfristige Folgen zu überstehen. „Die Long-Covid-Welle überrollt uns regelrecht, denn die Probleme kommen ja oft erst mit einer gewissen Latenz bei den Patienten auf.“

Bernd Peters

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