„Die Politik hat uns vergessen“

Sascha Halweg steht als Gastronom für eine ganze Branche – er und seine Kollegen wollen mit einem Video auf ihre Not aufmerksam machen

Sascha Halweg ist wütend und frustriert. Nach mehr als fünf Monaten im Lockdown ist der Opfinger Gastronom mit seiner Geduld am Ende: „Die Politik hat uns Gastronomen schlichtweg vergessen.“ Eigentlich war Halweg bisher kreativ und mit Elan durch die Krise gegangen. Seine Videos auf Facebook, auch zum Thema Corona, ereichten Tausende – doch jetzt geht dem Betreiber der „Blume“ die Luft aus. „Wir haben seit Montag geschlossen“, so Halweg. Kein To-Go, keine Lieferung mehr. Halweg hat genug.
Doch seine Wut muss irgendwo hin und deshalb kanalisiert er sie in einer Aktion, die die Situation der Gastronomen in der Region wieder in Erinnerung rufen soll: Mit einem Video an dem sich rund 20 seiner Kollegen beteiligen – darunter beispielsweise Toni Schlegel, der unter anderem den Rappen am Münsterplatz und den Kastaniengarten betreibt, das Café Auszeit, das La Pepa und viele mehr – wollen sie auf ihre Situation aufmerksam machen und zeigen, dass sie die Durchhalteparolen so langsam satt haben. „Kopf hoch, du schaffst das. Das ist nett, hilft aber irgendwann auch nicht mehr weiter“, so Halweg. Heute wird das Video auf der Plattform Facebook von den Beteiligten geteilt werden und Halweg hofft auf große Resonanz.
Sein Frust sitzt tief: „Nirgendwo kann ich nachlesen wie es weitergehen soll, wann es für uns wieder eine Perspektive gibt. Wann wir wenigstens die Außengastronomie öffnen dürfen.“
Kein Konzept, kein Plan, das ist es, was er der Politik vorwirft. Das ist es auch, was eine Hilflosigkeit in ihm weckt, die für einen „Macher-Typ“ wie ihn schwer bis gar nicht zu ertragen ist. Doch nach fast einem halben Jahr Stillhalten hat er sich nun dazu entschieden, in die Offensive zu gehen.
Halweg ist kein prinzipieller Gegner der Maßnahmen, er ist auch kein Querdenker oder Corona-Leugner, „ich bin ein Unternehmer, der um seine Existenz kämpft.“ Die staatlichen Hilfen seien nicht ausreichend, „da hilft auch kein Überbrückungsgeld, das nicht einmal die Kosten deckt, geschweige denn in die Lage versetzt, während des Betriebsverbotes eine siebenköpfige Familie mit drei Generationen zu ernähren“, unternehmerische Planung ist ohne konkrete Vorgaben nicht möglich. „Eigentlich suche ich einen neuen Küchenchef“, berichtet Halweg, „doch wie soll ich jemanden anstellen, wenn ich nicht einmal weiß, wann ich wieder aufmachen darf.“ Das Thema Personal ist eines, das dem Gastronom enorm zu schaffen macht. Nicht nur, dass er den Rest seiner Belgschaft in Kurzarbeit schicken musste, viele hätten die „Blume“ bereits verlassen, sich „krisenfeste“ Jobs gesucht. Vor allem die Aushilfen, für die keine Kurzarbeit angemeldet werden konnte, seien weg. Zudem: „An der Gastronomie hängt ja auch noch viel mehr dran: Jede Menge Lieferanten, die Brauereien und viele mehr, die direkt oder indirekt mit uns verbunden sind.“
Was er sich wünscht? „Die Politiker sollen ihren Job machen“, fordert er, „ich mache meinen ja auch.“ Dazu gehöre Planbarkeit zu schaffen. Immer nur im Lockdown verharren könne nicht die richtige Antwort sein. Er verweist auf die Erkenntnisse deutscher Aerosol-Forscher: „Die gehen draußen von einem Ansteckungsrisiko im Promillebereich aus, warum wird das vollkommen ignoriert?“ Jetzt mit zunehmend schönem Wetter wird Halweg wehmütig wenn die Menschen zwar beispielsweise im Stadtgarten gemeinsam die Sonne genießen, aber nicht in seinem Außenbereich sitzen dürfen.


Stammgäste können kaum erwarten, dass es losgeht
Die Stimmung in der Branche sei schlecht, viele seiner Kollegen seien sich nicht sicher, ob es nach dem Lockdown überhaupt für sie weitergehe. Halweg selbst will jedoch nicht aufgeben: „Ich kann doch nicht wegwerfen, was ich mir über viele Jahre aufgebaut habe.“ Sein Restaurant lief gut in Vor-Corona-Zeiten: „Bei uns war auch an einem Dienstag im Februar ausgebucht“, berichtet er. Daran hofft er nach dem Lockdown wieder anknüpfen zu können. „Unsere Stammkunden stehen in den Startlöchern und können kaum erwarten, dass es wieder losgeht“, da ist er sich sicher. Zudem habe man bereits im vergangene Jahr ein Hygienekonzept erstellt und auch in entsprechendes Equipment investiert – und habe trotzdem schließen müssen.
Seine Hoffnung in die Impfungen zu setzen, fällt ihm schwer. Dass alle Deutschen bis Ende des Sommers ein Impfangebot bekommen, wie Kanzlerin Angela Merkel es versprochen hat, glaubt er „erst wenn ich es sehe.“ Man werde lernen müssen, mit dem Virus zu leben.


Claudia Kleinhans


„Die Politik soll ihren Job machen, ich mache meinen ja auch.“
Sascha Halweg, Blume Opfingen

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