„Spielfreude und Herdentrieb“

Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Freiburg, Marcel Thimm, über den Hype der Kryptowährungen

Bitcoin und Co. sind aktuell nicht nur wegen des Börsengangs von Coinbase in aller Munde. Was verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen Begriff der „Kryptowährung“?

Marcel Thimm: „Kryptowährungen“ ist ein nicht genau definierter Sammelbegriff für unterschiedliche Softwaresysteme, die Datencodes, die sogenannten Währungen, generieren, organisieren und verwalten. Krypto kommt aus dem Griechischen und bedeutet versteckt, geheim. Geheim, oder besser anonym, bezieht sich auf den Eigentümer des Kryptogeldes und teilweise auch auf die Programmierlogik. Die Begriffe Geld und Währung sind nicht geschützt und können deshalb frei verwendet werden. Mit dem, was wir normalerweise unter Geld und Währung verstehen, haben „Kryptowährungen“ aber nicht viel gemein.

Ist der Kryptohype auch schon bei der breiten Basis der Anleger angekommen oder ist das eher etwas für Spezialisten?

Thimm: Kryptowährungen sind ein spannendes und faszinierendes Phänomen, aber noch nicht bei der breiten Basis der Anleger angekommen. Ich halte das auch nicht für wünschenswert. Kryptowährungen sind meines Erachtens etwas für Sammler, Spieler und Spekulanten.

Was sind die bekanntesten und liquidesten Kryptowährungen?

Thimm: Bitcoins sind die älteste, bekannteste und wertvollste Kryptowährung. Sie gibt es schon seit 2009. Auf den nächsten Plätzen folgen Etherum, Ripple und viele tausend weitere. Ständig kommen neue hinzu und scheiden ältere wieder aus.

In Anbetracht der hohen Volatilität von Kryptowährungen: Wie sehr eignen sich diese als Zahlungsmittel?

Thimm: Meines Erachtens überhaupt nicht. Sie sind, wie Sie sagen, stark schwankend, gesetzlich nicht anerkannt, verfügen nicht über die notwendige technische Infrastruktur und bieten gegenüber den etablierten Zahlungssystemen keinerlei Vorteile. Bei den wenigen Stellen, bei denen sie als Zahlungsmittel akzeptiert werden, handelt es sich aus meiner Sicht um Marketinggags.

Der Bitcoin hat eine massive Wertsteigerung erfahren. Von rund 3.000 Euro 2018 auf mehr als 51.000 Euro aktuell. Wie ist das zu erklären?

Thimm: Ich habe dafür keine wirklich überzeugende Erklärung. Spielfreude, Sammelleidenschaft, Gewinnsucht und Herdentrieb verführen uns Menschen ab und an zu tatsächlich oder vermeintlich irrationalem Verhalten. Das gab es auch schon in früheren Zeiten und in anderen Märkten.

Was sind die Nachteile an Kryptowährungen, was gäbe es zu kritisieren?

Thimm: Der Nachteil ist, dass es keinen echten Vorteil gibt und die Kryptowährungen gigantische Stromfresser sind. Allein Bitcoin verbraucht für Produktion und Verwaltung mehr Strom als die Niederlande oder Norwegen. Das ist nicht sehr klimafreundlich. Claudia Kleinhans

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