Gekommen, um zu bleiben

Die Stadt Freiburg hat den Kampf gegen Krähen-Kolonien aufgegeben – und ist damit nicht allein

Es ist Brutzeit. Damit häufen sich Bürgerbeschwerden über Lärm und Dreck, den Saatkrähen verursachen. Doch die Stadt ist machtlos. Die streng geschützten Tiere werden nur noch in Ausnahmefällen vergrämt – denn meist ist dieser Kampf schlicht aussichtslos.„Unbefriedigend“, nennt Eva Güttler die Situation. Jetzt in der Brut- und Aufzucht-Phase erreichen die Leiterin der Veterinärabteilung der Stadt Freiburg viele Beschwerden von aufgebrachten Bürgern über die Saatkrähen. Sei es der Lärm der Vögel während der Brutzeit oder die Kotverschmutzungen auf geparkten Autos – „da fühlen sich die Bürger belästigt“. Doch alle Versuche, die Krähen aus ihren geliebten Nestern in den Pappeln und Platanen zu vertreiben, hat die Stadt längst aufgegeben. Eine 2015 von drei Ämtern gestartete Krähen-Task-Force erzielte mit dem Rückschneiden von Brutbäumen und der Entfernung von Nestern – etwa am Zentrum Oberwiehre oder im Vauban – nur das Gegenteil. Die besonders geschützten Vögel bildeten damals einfach neue Splitterkolonien. Heute verteilen sich Krähen laut Güttler auf rund zehn Hotspots in der Stadt, etwa in Zähringen, im Dietenbachpark, an der Stefan-Meier-Straße, im Binzengrün oder in Weingarten.
Freiburg ist in seinem Scheitern aber nicht allein, sagt Wildtierökologin Geva Peerenboom von der Uni Freiburg. „Was man auch aus anderen Städten lernt ist, dass Vergrämung wenig erfolgreich ist. Die Krähen sind so intelligent, dass sie diese Vergrämungssyteme schnell durchblicken.“ In der Stadt fühlen sich die Krähen sicher, deshalb nisten sie hier.


Der Ruf der Krähe leidet
Es gilt im Übrigen zu unterscheiden: Saatkrähen ziehen zur Nahrungssuche meist raus aus der Stadt und suchen auf Grünflächen nach Regenwürmern und Schnecken. „Die Krähen, die in der Stadt an die Mülleimer gehen, sind die Rabenkrähen.“ Diese aber leben nicht in großen Kolonien. Ein weiterer Stadtmythos rankt sich um Krähen, die angeblich in den Hecken die Gelege von Singvögeln ausräumen würden. „Das sind eher die Elstern“, sagt Peerenboom. „Eigentlich sind Saatkrähen sehr intelligente, aber harmlose Vögel“, sagt sie. Wobei es in der Brutzeit auch schon Angriffe auf Menschen gegeben hat, 2015 wurde beispielsweise eine Radfahrerin in Haslach von einer Krähe am Kopf gepickt.
Ihren schlechten Ruf werden die Tiere so schnell aber nicht los. Eine langfristige Umsiedlung der Saatkrähen in Brutbäume in Ortsrandlagen wäre zwar möglich, sagt die Wildtierökologin. „Aber da wäre es enorm wichtig, dass die Tiere dann in Ruhe gelassen werden“, sagt sie.
Bei der Stadt ist man dazu übergegangen, um Verständnis zu werben. „Die Tiere können ja nichts dafür“, sagt Eva Güttler. Nur im Uniklinikum werden mit einer Erlaubnis des Umweltschutzamts außerhalb der Brutzeit Nester entfernt. Zuletzt im Januar, sagt Kliniksprecher Johannes Faber.
Noch mehr Arbeit macht Veterinäramts-Leiterin Güttler zurzeit ohnehin die Geflügelpest, die auch in Freiburg unter Haustierbeständen grassiert. Als in ihrem Amt am Montag fünf tote Saatkrähen abgegeben wurden, wurde sie daher hellhörig. „Ein Ausbruch der Geflügelpest auch bei Wildvögeln wäre schlecht“, sagt sie. Das wird nun überprüft. Im Fall der toten Krähen hat sie aber eher eine andere Vermutung: „Wir lassen die Tiere auch auf Einschusslöcher untersuchen“, sagt Güttler.


Matthias Joers

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