Hasen hoppeln lieber durchs Gehölz

Immer mehr Feldhasen leben mittlerweile in Wäldern statt auf Wiesen – Interview mit einem Forstbezirksleiter

Die Bestände des Feldhasen sind in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen – die Rote Liste stuft ihn bundesweit als „gefährdet“ ein. Auf dem Feld fehlt es an Nahrung und Verstecken, deshalb sucht sich der Hoppler ein neues Domizil. Warum es im Wald immer mehr Feldhasen gibt und es ihnen dort gefällt, erklärt Hans-Ulrich Hayn vom Forstbezirk Hochschwarzwald mit Sitz in Kirchzarten, im Gespräch mit Saskia Schuh.

Herr Hayn, warum fühlen sich die Feldhasen zunehmend in Wäldern heimisch?

Hans-Ulrich Hayn: Das hängt vor allem mit den Waldwegen zusammen. Die erinnern an die Felder von früher, die kleinflächiger bewirtschaftet wurden, und bieten mit einer Vielzahl an Wildpflanzen abwechslungsreiche Nahrung. Nicht nur der Hase, auch viele inzwischen bedrohte und auf Feldern verschwundene Insekten haben entlang der Waldwege einen neuen Lebensraum gefunden, beispielsweise die „Spanische Flagge“, ein farbenfroher Schmetterling.

Wie lebt der Hase im Wald?

Hayn: Er lebt an den Waldwegen, die sind für ihn wie ein ganz schmaler Acker. Tagsüber kann er sich dort im Gegensatz zum Feld sehr gut verstecken und nachts hoppelt er auf die offenen Wegränder, um zu fressen. Das erschwert auch den Feinden der Hasen die Jagd. Denn mit den langen Ohren sind sie in der Nacht nicht zu überraschen. Fuchs oder Uhu hören sie meist rechtzeitig.

Wird es bald mehr Feldhasen im Wald als auf dem Feld geben?

Hayn: Man könnte sagen, der Wald ist für den Feldhasen von der zweiten zur ersten Heimat geworden. Die Bestände auf den Feldern sind in letzten Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Das lässt sich unter anderem durch die Jagdstrecken belegen. Anfang der 70er-Jahre wurden in Baden-Württemberg noch bis zu 120.000 Hasen erlegt, heute sind es nur noch fünf Prozent davon, rund 6.000 Tiere. Hauptgrund dafür ist die immer homogenere Landschaft, die weniger Nahrung und Versteckmöglichkeiten bietet. Auch Feinde wie Greifvögel, Füchse und Krähen haben zugenommen. Auf vielen Feldern gibt es heute keine Hasen mehr. In den Staatswäldern im Forstbezirk Schwarzwald ist das Gegenteil der Fall, hier erhöht sich die Population. Die Förster haben in den letzten zwei bis drei Jahren deutlich mehr Feldhasen gesehen. Sie kommen an Waldwegen vom Dreisamtal bis hoch zum Feldberg vor. Sogar in Siedlungsnähe fühlen sie sich wohl, beispielsweise im Erholungswald am Rosskopf. Besonders an Südhängen oder südlichen Böschungen sind sie vermehrt zu finden.

Worauf sollten Spaziergänger achten?

Hayn: Wichtig ist, dass man die Hunde anleint oder sie so gut im Griff hat, dass er dem Hasen nicht hinterher rennt. Bei Dämmerung oder im Dunkeln sollte man am Besten gar nicht in den Wald gehen. Sonst werden die Hasen beim Fressen gestört und flüchten vom Waldweg.

Und wenn man ein einsames Hasenbaby am Wegrand sieht?

Hayn: Wenn es irgendwo am Weg versteckt liegt, sollte man unbedingt in Ruhe lassen, das sind schließlich Wildtiere, die brauchen in der Regel keine Hilfe. Die Häsin kommt zurück und versorgt das Junge.

Was kann man tun, damit die Hasenpopulation wächst?

Hayn: Auf den Feldern könnte man das fördern, indem man zum Beispiel Wildkräuter einsät, das ist aber ein hoher Aufwand. Im Wald halten die Förster die Wegtrasse frei von Bäumen, die Schatten spenden oder Mulchen die Wegränder und Böschungen, was optimale Verhältnisse für Wildkräuter und Gräser bietet. Außerdem wird im Wald weitgehend auf Pestizide verzichtet und die Hasen werden hier nicht bejagt. Sie knabbern auch mal an Bäumen, das ist aber völlig unproblematisch, der Hase ist im Wald willkommen. Er ist ein Symbol für die Artenvielfalt. Und die nimmt zu, der Uhu kommt im Schwarzwald fast flächendeckend vor und der Schwarzstorch hat erstmals nach mehr als 100 Jahren wieder im Osten des Forstbezirks gebrütet.

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