„Logistisch hochkomplex“

Die Corona-Impfungen in den Hausarztpraxen sind eine große Herausforderung

Nach diversen Modellprojekten dürfen die 35.000 deutschen Hausarztpraxen seit diesem Mittwoch gegen Covid 19 impfen. Auch wenn das sinnvoll ist, bedeutet diese Leistung für das Personal der Arztpraxen eine enorme Zusatzbelastung. Bevor die Planung des Ablaufs in der Praxis beginnen konnte, war bereits einige Vorarbeit zu leisten: Obwohl man nicht wusste, wieviel Impfstoff geliefert werden kann, sollten die Praxen nach erklärter Impfbereitschaft ihren Bedarf schätzen. Das 20-seitige Erklärungsschreiben zur Impfung wurde von der KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) zur Verfügung gestellt. Mit der Umsetzung der Vorschriften und Organisation der Abläufe sind die Hausarztpraxen allerdings auf sich gestellt: „Das ist logistisch hochkomplex! Wir müssen die Impfungen ja in den Praxisalltag integrieren“, bestätigt die Ärztin Mechthild Bulling von der Freiburger Hausarztpraxis Mauerer-Bulling, die viel Erfahrung als Reiseärztin im Ausland mitbringt. Wahrscheinlich gehe es nur mit zusätzlichen Impfzeiten außerhalb der regulären Praxispräsenz, denn weder die räumlichen noch personellen Ressourcen ließen eine parallele Struktur zu.
Wolfram Deißler von der Gemeinschaftspraxis Thum-Deißler in Freiburg-Kappel bestätigt die enorme Anstrengung, die nur mit erheblichem Zusatzaufwand zu stemmen ist. Er hat bereits im Rahmen der Corona-Tests für die Praxis mit vier Ärzten und medizinischem Fachpersonal auf eigene Kosten einen separaten Container vor der Praxis installiert, der nun auch für die Impfungen genutzt werden kann. Ein Nadelöhr entsteht bei Hausbesuchen, da das Impfserum zeitlich nur sehr begrenzt transportfähig ist.

Der Ablauf in derzeitlichen Dimension
Die Hausarztpraxis bestellt die zuvor kalkulierten Impfdosen bis Dienstagmittag in der zuständigen Apotheke. Am Donnerstag erfährt man, wie viele Dosen der Praxis zugeteilt werden und kann die Patienten zu Terminen ab Dienstag der Folgewoche einbestellen. Die Impfdosen werden am Montagnachmittag von der Apotheke geliefert, dann bei 2 bis 8 Grad Celsius im Kühlschrank der Praxis gelagert und müssen innerhalb von fünf Tagen verimpft werden. Die Patienten werden nach der üblichen Priorisierung (Alter, Vorerkrankungen etc.) einbestellt und in den ersten zwei Wochen mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer geimpft, später kommen die anderen Impfstoffe hinzu.
Vor der Impfung müssen die Patienten aufgeklärt und nach der Impfung 15 Minuten – selbstverständlich mit dem vorgeschriebenen Abstand – beobachtet werden. Die Dokumentation in sechs analogen und digitalen Schritten kommt hinzu. In dieser Woche stehen weniger als eine Million Impfdosen zur Verfügung, teilweise erhalten die Praxen nur ein Sechstel der kalkulierten Menge; ab Ende April soll sich die Kapazität verdreifachen.


Verständnis, Nachsicht und Geduld sind gefragt
Bereits seit Monaten sind viele Mitarbeiter in den Hauspraxen an ihrer Belastungsgrenze. Daher liegt ihnen eines sehr am Herzen: Sie bitten ihre Patienten um Verständnis, Nachsicht und Geduld. Nicht zuletzt, sagt Mechthild Bulling, müsse man sich auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass sowohl der Impfstoff wie dessen Verteilung für alle neu seien und sich die Abläufe erst einspielen müssten. Wolfram Deißler bestätigt diese Sicht: Seine langjährigen Erfahrungen als Tropenarzt, u.a. in Afrika, lassen ihn gelassen auf die Herausforderung blicken: „Wir sind Kummer gewöhnt.“


Sigrid Hofmaier

Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung zum Ablauf der Impfungen: www.kbv.de/html/covid-19-impfung.php

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