„Es wird Nachholeffekte geben“

Wirtschaftsweiser Lars Feld im Wochenbericht-Interview über die Folgen von Corona und die weitere Aussichten

Lars Feld, der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen und Leiter des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg ist einer der angesehensten Ökonomen der Bundesrepublik. Im Gespräch mit Redaktionsleiter Sven Meyer spricht er über die Auswirkungen auf die Wirtschaft und gibt eine überraschend optimistische Prognose.


Herr Feld, der Lockdown wurde verlängert und teilweise sogar nochmal etwas verschärft. Das Land wirkt relativ erstarrt. Und leider  hat man den Eindruck, dass das Licht am Ende des Tunnels nicht unbedingt heller wird. Wie verkraftet das die Wirtschaft?
Lars Feld: Dass der Lockdown in die Verlängerung geht, davon sind wir schon seit geraumer Zeit ausgegangen. Bei der Jahresprognose des Sachverständigenrats im November hatten wir bereits das Szenario eines Lockdown über den ganzen Winter berücksichtigt. Wir waren da etwas weniger optimistisch als andere Prognostiker, gingen aber dennoch von einem Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent für 2021 aus.

Das hört sich relativ optimistisch an.
Feld: Ja, aber die Prognose wird nicht zu halten sein. Die Lockdown-Verlängerung selber ist dabei nicht der Punkt. Aber die Verschärfungen im Gegensatz zum „Lockdown light“ machen schon was aus: Sowohl die Kita- und Schulschließungen als auch die weitgehende Schließung des Einzelhandels wird sich bemerkbar machen. Die 3,7 Prozent Wachstum werden daher nicht erreicht werden können. Sollte der jetzige Zustand bis Ende März anhalten, wird die wirtschaftliche Entwicklung schwächer ausfallen, eine drei vor dem Komma könnte dennoch knapp möglich sein.

Wie lange würde die Wirtschaft in diesem Zustand verharren können, ohne dass es zu irreparablen Verwerfungen kommt?

Feld: Einen Zielkonflikt zwischen Wirtschaft und Gesundheit gibt es jedenfalls nicht. Es ist ja uns allen ein Anliegen, dass diese Pandemie nicht außer Kontrolle gerät. Das hätte nicht nur erhebliche gesellschaftliche, sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen. Der Gesamtschaden wäre enorm. Restriktionen sind während des Winters notwendig, weil sich dieses Virus während der kalten Jahreszeit viel besser verbreiten kann. Nach allem, was wir wissen, sollte es, sobald es wärmer wird und die UV-Licht-Einstrahlung zunimmt, besser werden und bis dahin sollten wir auch bei den Impfungen deutlich weiter sein. Dann sollten Lockerungen möglich sein. Das wird die Wirtschaft beflügeln.

Würden Sie sagen, dass das, was die Bundesregierung an Rettungshilfen beschlossen hat, die richtige Antwort ist?

Feld: Das Spektrum ist ja sehr breit. Man müsste im Einzelnen durchdeklinieren, was an Einzelmaßnahmen vorhanden ist, was hilft und was nicht. Ich hatte mich beispielsweise kritisch geäußert, was die November- und Dezemberhilfen angeht. Eine ganze Reihe von Gastronomen wird da für variable Kosten entschädigt, die sie derzeit gar nicht eingehen müssen. Die Mitnahmeeffekte sind groß. Diese Hilfen sind einfach zu üppig. Die Überbrückungshilfe III hingegen ist vom Volumen her in Ordnung, jedoch ist der bürokratische Aufwand, den man eingehen muss, enorm. Bis die Mittel dann fließen, vergeht zu viel Zeit. Da gäbe es zielführendere Mittel wie der steuerliche Verlustrücktrag. Ein weiteres Konjunkturpaket brauchen wir nicht, da viele Mittel aus dem bisherigen Konjunkturpaket noch gar nicht abgerufen worden sind.

Sind Sie insgesamt mit der Corona-Strategie der Bundesregierung zufrieden?
Feld: Das kann ich nur für die Wirtschaft beurteilen, nicht aber für die epidemiologischen Maßnahmen vor dem Hintergrund der Mutationen. Im Großen und Ganzen bin ich mit der Strategie zufrieden und habe den Eindruck, dass die Politik in der Lage ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wie bewerten Sie das Impfstoffbeschaffungs-Management der EU, an dem es große Kritik gibt?
Feld: Ich finde es richtig, den Impfstoff auf europäischer Ebene zu beschaffen. Auf diese Art und Weise konnte man von vornerein viel größere Mengen des Impfstoffs bestellen. Das hat auch Auswirkungen auf die Produktion des Impfstoffes und auf die Preise. Wer in größeren Mengen bestellt, zahlt weniger. Was die Liefermengen angeht, warten wir mal ab. Im Frühjahr dürfte es da schon ganz anders aussehen. In der aktuellen Diskussion sollte man eher fragen, warum wird denn der Impfstoff, den wir haben, nicht schneller verimpft? Dafür sind die Länder zuständig. Warum schafft das Baden-Württemberg nicht besser? Dafür ist aus meiner Sicht die Landesregierung und nicht der Bund verantwortlich.

Blicken wir in die Zukunft: Irgendwann wird die Krise vorbei sein. Werden wir dann einen Boom wie in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erleben?
Feld: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir relativ schnell wieder in eine gute Wirtschaftsentwicklung zurückkommen. Im weiteren Jahresverlauf werden wir eine deutliche Zunahme des Konsums erleben. Die Leute freuen sich darauf, wieder mehr zu konsumieren. Ich denke, ab dem 2. Quartal wird sich das bemerkbar machen. Das wird in vielen Bereichen passieren: Auch beim Reisen wird es Nachholeffekte geben. Die Leute haben zwar nicht mehr Urlaubstage zur Verfügung, aber sie werden sich teurere Reisen leisten.

Viele wundern sich, warum in Anbetracht der vielen schlechten Nachrichten die Finanzmärkte haussieren.
Feld: Auch die Finanzmärkte sehen die weitere Wirtschaftsentwicklung positiv. Im Verarbeitenden Gewerbe haben wir beispielsweise eine sehr starke Entwicklung – trotz Lockdown. In einigen Branchen hat man zudem die Zeit genutzt, Strukturveränderungen nach vorne zu bringen. Die Bundesregierung liefert mehr Infrastrukturinvestitionen usw. Dazu ist durch die Politik der Zentralbanken eine sehr hohe Liquidität vorhanden, was auch die Aktien- und Immobilienmärkte treibt. Vor allem aber, würde ich sagen, haben sich die fundamentalen Aussichten verbessert.

Was sagt Ihr Bauchgefühl: Wann werden wir wieder ein weitgehend normales Leben haben?
Feld: Ich denke, das wird ab dem Sommer sein.  

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