Trend mit Folgen

Was der tägliche Päckchen-Wahn für Freiburg bedeutet

Das coronabedingte Zuhausebleiben verleiht dem Online-Handel einen enormen Schub. Der Paketdienst DHL wappnet sich bereits für das stärkste Weihnachtsgeschäft aller Zeiten. Neu in Freiburg ist, dass auch der Online-Riese Amazon von Hochdorf aus tägliche Touren mit eigenen Fahrzeugen fährt. Am täglichen Irrsinn der Paketdienste scheiden sich die Geister. „In der Vorweihnachtszeit wird das Paketvolumen wie in jedem Jahr deutlich steigen. Es ist die aufkommensstärkste Zeit“, sagt Marc Mombauer von der Pressestelle der Deutsche Post DHL in Stuttgart. Auch der Black Friday, jener aus den USA herübergeschwappte Shopping-Großkampftag am 27. November, werde für einen Schub sorgen. Von Ende November bis Weihnachten „werden wir pro Woche rund 50 bis 55 Millionen Pakete transportieren und damit unter Volllast fahren“, sagt Mombauer. Für das ganze Jahr erwartet die DHL ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 1,8 Milliarden Pakete wird DHL dann befördert haben.


Logistik oder Einzelhandel?
Rekordverdächtige Zahlen, die auf das tägliche Leben einer Stadt ganz praktische Auswirkungen haben. Allen voran ächzt der Einzelhandel unter dem schon vor Corona boomenden Online-Handel. Ein Gedanke, der Walter Krögner (SPD) als erstes in den Sinn kommt, wenn er über das neue Amazon-Umschlagzentrum in Freiburg-Hochdorf spricht. Seit September fährt vom ehemaligen Standort der Spedition Dachser etwa alle 20 Minuten eine Transporter-Welle des US-Online-Kaufhauses los, um Amazon-Pakete direkt zu den Kunden zu bringen. „Die konkurrenzieren das, was uns das Wichtigste ist: den lokalen Einzelhandel“, sagt Krögner, arbeitspolitischer Sprecher der SPD/Kult-Fraktion im Gemeinderat. Wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi übt er heftige Kritik am Geschäftsgebaren von Amazon. Der Handelsriese bezeichnet sich selbst als Logistikunternehmen. Also zahlt es seinen Mitarbeitern den um 20 Prozent niedrigeren Logistiktarif statt des besser bezahlten Einzelhandelstarifs. „Aber ich gehe doch nicht auf deren Homepage, weil ich etwas geliefert bekommen will, sondern weil ich etwas einkaufe“, sagt Krögner. Hinzu komme die fehlende Tarifbindung und die anfangs befristeten Verträge, die er „eine Gemeinheit gegenüber den Mitarbeitern von Amazon“ nennt. Amazon-Pressesprecher Manuel Lesch dagegen sagt: „Amazon-Mitarbeiter in der Logistik erhalten ein sehr wettbewerbsfähiges Lohnpaket“. In Freiburg-Hochdorf liege der Einstiegsbasislohn bei 11,35 Euro brutto pro Stunde. Dieser steige automatisch, auf durchschnittlich 2.655 Euro brutto monatlich nach 24 Monaten. Rund 80 Mitarbeiter beschäftigt Amazon in Hochdorf, weitere 100 sind über externe Lieferdienste angestellt.
Ganz gleich ob nun Amazon, DHL, DPD oder Hermes – täglich knubbeln sich Lieferautos in den Stadtteilen. Pressesprecher Sebastian Wolfrum von der Stadt sagt: „Die Verwaltung hat bereits mit mehreren Paketdienstleistern Gespräche über andere Logistikkonzepte geführt – bisher ohne Erfolg“. Paketdienstleister stünden unter einem „enormen wirtschaftlichen Druck“, sagt er. Konzepte, die mehr Aufwand und Geld bedeuten, kämen für sie nicht in Frage. Die Firmen dagegen beteuern, bereits viel zu tun, um die Belastung für Anwohner so gering wie möglich zu halten. DHL lässt neuerdings kleinere Pakete von Briefträgern zustellen, die laut Sprecher Mombauer „von jeher CO2-frei unterwegs sind“ – zu Fuß, mit dem Fahrrad, E-Bike oder E-Trike. Pakete sollen zudem gebündelt geliefert werden, um überflüssige Fahrten zu vermeiden. Amazon setzt auf intelligente Routenplanung. „Diese betrachtet auch die aktuelle Verkehrslage“, sagt Manuel Lesch. Letztlich könne die Stadt das Geschäft der Paketdienste, deren Anteil am städtischen Wirtschaftsverkehr laut dem Rathaus bei „deutlich unter 10 Prozent der Verkehrsleistung“ liege, nicht unterbinden – „auch nicht quartiersweise, da die Verbraucher selbst bestimmen können, ob und wie sie ihre Pakete geliefert haben wollen“, so Wolfrum.

Matthias Joers




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