Wie Corona Kultur bremst

Musik, Schauspiel, Tanz: Drei Freiburger berichten über die Folgen des Lockdowns

Der Tanzlehrer
Heinrich Herrmann ist 30 Jahre alt und seit 2009 HipHop-Tanzlehrer an der Tanzschule Gutmann. Seinen Beruf kann er im Moment nicht ausüben, wegen des Teil-Lockdowns hat die Tanzschule zu, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Vor Corona hat ihm seine halbe Stelle und seine Tätigkeit als freiberuflicher Tanzlehrer ein Einkommen gesichert. Seit dem Frühjahr ist er auf einen Minijob in der Lebensmittelbranche angewiesen. „Regale einräumen“, sagt Herrmann. Immerhin: Beim ersten Lockdown erhielt er eine Hilfsförderung für Solo-Selbstständige. „Anders wäre es nicht gegangen“, sagt er. Wann die nun erneut geplanten Hilfsgelder für Selbstständige aus der Kultur- und Kreativwirtschaft fließen werden, wisse er nicht: „Bis jetzt habe ich nichts Konkretes gehört.“ Das Hygienekonzept seiner Tanzschule, sagt er, habe gut funktioniert. Die Tanzschüler und -lehrer hätten sich sicher gefühlt. Wie es sich da anfühlt, seinen Beruf nicht ausüben zu können, während andere Branchen geöffnet sind? „Nicht so geil“, sagt Herrmann. „Aber ich bin ein sehr positiver Mensch, deswegen kann ich das wegstecken.“


Der Theater-Schauspieler
Victor Calero möchte kein Klagelied anstimmen. Es wäre unfair gegenüber den vielen, freiberuflichen Schauspielkollegen, die der Lockdown in eine wirtschaftliche Notlage stürzt. Er dagegen fällt als Angestellter eines städtischen Theaters finanziell weich. Sorgen um die Kunst- und Kulturbranche macht sich der 54-Jährige aber. „Ich kann nur hoffen, dass insgesamt nicht zu viel verdorrt und kaputt geht“, sagt der dreifache Familienvater, der seit 2010 festes Mitglied im Emsemble am Theater Freiburg ist. 1,8 Millionen Menschen sind laut Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig – neben Schauspielern sind das Bühnentechniker, Musiker, Autoren, Filmemacher und viele Berufe mehr. „Das ist eine Riesenindustrie. Zu sagen, dies sei kein Wirtschaftsfaktor, ist eine Milchmädchenrechnung“, meint Calero. Gleichwohl möchte er nicht in der Haut der Politiker stecken, die über Detailfragen des Lockdowns entscheiden müssen. Angesichts geschlossener Bühnen sei es vor allem die soziale Komponente des Theaterlebens, die er vermisse: „Ich gehe wahnsinnig gerne ins Theater, schon seit ich klein bin. Theater ist ein tolles Medium. Aber es lebt vom Zusammenkommen“, so Calero. Den Lockdown-Monat nutzt er für Proben am Stück „Hedda Gabler“. Premiere ist am 20. November – ganz ohne Publikum und nur für interne Zwecke. Vor Publikum könnte es frühestens im Dezember weiter gehen, sofern die Fallzahlen es erlauben. Gespielt würde dann wieder nur vor einer maximal 25-prozentigen Zuschauerauslastung. „Da bleibt natürlich der Rock’n’Roll, das Gefühl, weswegen man diesen Beruf ergriffen hat, vollkommen auf der Strecke“, sagt Calero.


Der Musiker
„Jetzt tritt das ein, was ich befürchtet hatte“, sagt der Freiburger Liedermacher und Folk-Gitarrist Beni Feldmann. Als Live-Musiker muss er seine Auftritte frühzeitig planen, bis zu zwei Jahre im Voraus. Mit dem ersten Lockdown wurden neun Konzerte, die im November anstanden, abgesagt. Dann spielte er rund 15 Konzerte im September und Oktober, „wenn auch mit deutlich weniger Umsatz“, sagt Feldmann, der deutschlandweit auftritt. Für den November zog er erneut vier, fünf Konzerte an Land. Wieder vergebens. „Ich habe zweimal ins Leere geplant“, sagt der 35-Jährige. „Es ist traurig. Man hat sich über zehn Jahre etwas erarbeitet. Wenn ich langfristig geplant habe, wusste ich, wann wieder Geld reinkommt.“ Das aber funktioniere nicht mehr, sagt Feldmann, der vor einem Jahr mit seiner Frau das erste Mal Vater wurde. Zum Glück fand er einen Nebenjob in einem Tonstudio. Außerdem hofft er, wie im Frühjahr an eine Soforthilfe zu kommen. „Da war Baden-Württemberg das einzige Bundesland, das eine adäquate Hilfe für Künstler ausgegeben hat“, so der Musiker. Nicht verhältnismäßig findet er, dass Bandproben verboten sind. „Wenn wir als Band nicht proben können, sind wir aus der Übung, sobald die Auftritte wieder erlaubt sind“, sagt er. Auch seine Musikprojekte mit Schulen und mit Kitas muss er pausieren. Und die Musik vor Publikum? „Die fehlt mir total“, sagt Feldmann.

Matthias Joers

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