Grippeschutzimpfung: ja oder nein?

Warum gerade in diesem Corona-Herbst eine Impfung sinnvoll ist, weiß der Virologe Hartmut Hengel von der Uniklinik Freiburg

Angesichts der Corona-Pandemie gilt es, die Belastung des Gesundheitssystems so gering wie möglich zu halten. Warum eine Grippeimpfung dazu beitragen kann, erläutert der Freiburger Virologe Professor Hartmut Hengel im Gespräch mit Claudia Kleinhans.

Ist eine Grippeschutzimpfung aufgrund der Corona-Pandemie wichtiger als sonst?

Hartmut Hengel: Ja, die Grippeschutzimpfung ist in der Corona-Zeit besonders wichtig. Da wir damit rechnen, dass das Corona-Virus in der kälteren Jahreszeit mehr Infektionen verursachen wird, ist es von Vorteil, wenn wir die Risikogruppen und das Gesundheitssystem als Ganzes so wenig wie möglich belasten. Zum Beispiel, indem wir die Grippeinfektionen so niedrig wie möglich halten. Dann haben es die Kliniken und die niedergelassenen Ärzte deutlich einfacher.

Und wer sollte sich impfen lassen? Nur Menschen, die einer Risikogruppe angehören oder auch der gesunde Normalbürger?

Hengel: Für die Impfung gegen die Influenza gibt es klare Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO): Alle Personen die ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben, wie beispielsweise chronisch Kranke, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Dialyse-Patienten oder Diabetiker sollten sich impfen lassen. Zudem ist es ratsam, sich ab dem 60. Lebensjahr gegen die Influenza zu impfen. Jetzt, in der aktuellen Corona-Krise, wäre es darüber hinaus sehr sinnvoll, wenn die gesamte Bevölkerung eine Grippeschutzimpfung hätte, weil dann weniger Infektionsketten entstehen. Dann würden alle dazu beitragen, dass wir weniger Infektionsgeschehen im Winter haben.

Sollten dann auch Kinder geimpft werden?

Hengel: Die Impfung von Kindern gegen Influenza ist gerade besonders in der wissenschaftlichen Diskussion. Es gibt aktuell in ausgewählten Ländern eine recht neue Empfehlung, auch Kinder zu impfen. Diese Länder wollen dieses Thema noch besser wissenschaftlich bearbeiten und untersuchen. Hier sei als Beispiel Großbritannien genannt. International ist man da aber noch nicht einheitlicher Meinung. Ich würde sagen, dass es sicher nicht schaden kann, wenn man auch Kinder gegen die Grippe impft. Ich selbst habe meine Kinder als sie klein waren auch impfen lassen, ich halte das für unbedingt empfehlenswert.

Angenommen ganz Deutschland, vom Säugling bis zum Greis, lässt sich impfen. Ist der Impfstoff in diesem Jahr überhaupt in ausreichender Menge vorhanden?

Hengel: Das lässt sich nicht endgültig beantworten. Die genaue Zahl der Impfdosen, die in Deutschland verfügbar sind kennt man gar nicht so ganz genau. Auch, weil der Impfstoffmarkt inzwischen sehr international organisiert ist. Es wäre auf jeden Fall schön, wenn alle produzierten Impfdosen auch wirklich verwendet werden würden. Das war in der Vergangenheit häufig nicht der Fall.

Wann sollte ich mich impfen lassen? Jetzt sofort, wenn es kälter wird, oder ist der Zeitpunkt eigentlich egal?

Hengel: Man weiß, dass es günstig ist, wenn man sich relativ zeitnah zur Grippewelle impfen lässt. Die meisten Grippewellen, wenn man mal die vergangenen Jahre betrachtet, kamen Ende Dezember, im Januar oder auch noch Februar. Von daher wäre eine Impfung Ende Oktober oder im November vermutlich am besten.

Welche Nebenwirkungen hat die Grippeschutzimpfung?

Hengel: Jede Impfung kann natürlich Nebenwirkungen haben. Diese werden auch in der Fachinformation, also gewissermaßen im Beipackzettel zur jeweiligen Impfung, aufgeführt. Bei der Grippeimpfung wäre das beispielsweise ein schmerzender oder anschwellender Arm an der Einstichstelle, etwas Unwohlsein oder eine leichte Temperaturerhöhung. Das ist eigentlich normal und zeigt, dass das Immunsystem sich mit dem Impfstoff aktiv auseinandersetzt. Selten gibt es auch stärkere Nebenwirkungen, etwa höheres Fieber. Das ist aber insgesamt selten der Fall. Die Grippeschutzimpfung gilt, auch nach den Daten des Paul-Ehrlich-Instituts (Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel), als recht gut verträglich.

Und wie gut schützt eine solche Impfung? Kann man dann davon ausgehen, dass man in diesem Jahr von der Grippe verschont bleibt?

Hengel: Nein, das kann man leider nicht versprechen. Denn Grippeviren mutieren. Man versucht zwar den potentiellen Grippevirus im Impfstoff zu antizipieren, das gelingt auch oft. Doch es gelingt nicht immer. Daher gibt es hier eine Unsicherheit. Die Wirksamkeit der Grippeschutzimpfung ist nicht perfekt, aber sie ist viel besser als gar keine Vorsorge.

Die Grippe ist eine schwere Krankheit. Wird die Influenza häufig unterschätzt?

Hengel: Ja, das ist sicher der Fall, dass die Grippe häufig verkannt und verharmlost wird. Wenn man die Sterblichkeit und die statistische Übersterblichkeit berechnet, dann sterben in Deutschland zwischen 3.000 und 25.000 Menschen pro Jahr an der Influenza.

Ist in diesem Jahr durch die geltenden Abstands- und Hygieneregeln vielleicht sogar eine weniger schlimme Grippewelle zu erwarten?

Hengel: Das ist eine interessante Frage. Die Virologen und Infektiologen sind gespannt, wie sich das in diesem Jahr entwickeln wird. Natürlich würde man erwarten, dass diese gegenwärtigen Eindämmungsmaßnahmen sich nicht nur gegen das Corona-Virus, sondern auch gegen andere Viren bemerkbar machen. Und tatsächlich konnte man in diesem Jahr bereits bei manchen Virus-Infektionen einen Rückgang verzeichnen, zum Beispiel bei den Masern. Daher würde ich es auch für plausibel halten, wenn wir weniger Grippe-Erkrankungen hätten. Andererseits wechseln sich bei den Grippewellen starke und schwache Jahre regelmäßig ab. Zuletzt hatten wir ein recht schwaches Influenzajahr, deshalb wäre aktuell eigentlich eher ein stärkeres zu erwarten. Es ist also alles noch ungewiss.

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