Oase der Innovation wird 400 Jahre alt

Der Botanische Garten der Uni Freiburg feiert Geburtstag – er ist nicht nur Ruhepol für gestresste Städter, sondern vor allem Innovationstreiber

Seit seiner Gründung 1620 zog er an mehrere Standorte im Stadtgebiet und beherbergt heute über 6.000 Pflanzen aus aller Welt: Der Botanische Garten im Stadtteil Herdern. Die Coronakrise machte der 400-Jahr-Feier zwar einen dicken Strich durch die Rechnung. Doch an der Anziehungskraft des Gartens änderte das nichts.Hat Thomas Speck den schönsten Arbeitsplatz von allen Professoren der Freiburger Uni? „Ich würde sagen Ja“, meint der Direktor des Botanischen Gartens. Wenn der 62-Jährige aus seinem Bürofenster schaut, blickt er auf saftig-grüne Farne, mächtige Bäume und hübsch angelegte Gartenteiche mit riesigen Seerosen. 400 Jahre alt wird die Institution in diesem Jahr. „Für einen Botanischen Garten ist das relativ alt. Es ist der fünftälteste in ganz Deutschland“, sagt Speck.


Das XXL-Forschungslabor
Der Garten ist ein Ruhepol, vor allem für die Bewohner der angrenzenden Stadtteile Herdern und Zähringen. Auch von außerhalb Freiburgs kommen viele Besucher, häufig Familien mit Kindern. Doch beim Gros der Freiburger gerät der Garten oft in Vergessenheit, räumt Speck ein. Circa 150.000 Besucher kommen jährlich.
Dabei steckt in dem Garten mehr als nur eine Anhäufung seltener Pflanzen. Anders als die Vorgängergärten, die vor allem als medizinische Lehrgärten dienten, ist der Garten heute ein Innovationstreiber, der für eine praxisnahe Forschungarbeit steht. So finden sich heute in Südkorea und China Bürogebäude, deren stufenlos einstellbare Fassadenverschattung vom Klappmechanismus der Paradiesvogelblume inspiriert ist. Die Forschung dafür stammt aus Freiburg. Und für den Fahrradhelm-Produzenten Uvex forschte Speck an einem Helm, dessen Dämpfung auf die Struktur der Pomelo-Frucht zurückgeht. Auch mit Haushaltsgeräte-Herstellern und der Autoindustrie arbeitet Specks Forschungsteam zusammen. „Die Pflanzen sind eine Inspirationsquelle“, sagt der Bionik-Professor. Zurzeit arbeitet er daran, eine Venusfliegenfalle komplett künstlich nachzubauen. „Sie soll so echt wirken, dass man Original und Imitat nicht voneinander unterscheiden kann“, sagt Speck.
Wo genau vor 400 Jahren der allererste Garten entstand, ist ungewiss, nur dass dies im Stadtteil Neuburg war. 1766 entstand der Nachfolgegarten am Ufer der Dreisam bei der Kronenbrücke, was aber bald böse Briefe der Direktoren auslöste. „Meine Vorgänger beschwerten sich bei der Stadt über ständige Hochwasserschäden“, erzählt Speck. Nach einem Neubau 1879 im Institutsviertel erfolgte 1912 der Umzug auf das heutige Areal in der Schänzlestraße.
Aus seiner Amtszeit – Thomas Speck ist bald 20 Jahre Direktor – weiß er viel Kurioses zu berichten. Ein nur mit Lendenschutz bekleideter Mann habe sich mal in den Bäumen des Gartens von Ast zu Ast geschwungen. „Er sagte, die Bäume hätten ihn gerufen“, sagt Speck. Auch hätten Besucher regelmäßig Fische in den Teichen ausgesetzt, sogar einen elektrischen Zitteraal habe man entdeckt.
Das große Jubiläumsprogramm fiel wegen der Coronakrise aus. „Das schmerzt, weil wir viel vor hatten“, sagt Speck. Drei Monate war der Garten zu. Inzwischen ist aber mit Ausnahme der Gewächshäuser für Besucher wieder geöffnet (täglich: 9 bis 17 Uhr). Auch Führungen werden wieder angeboten. Die Zukunft klingt vielversprechend. Die Planungen für ein „lebendes Bauwerk“ laufen und der Garten wird fit gemacht für die zunehmenden Trockenphasen. „Wir wollen den Garten weiterentwickeln“, verspricht Speck.

Matthias Joers

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