Freiburgs ältester Wirt hört auf

Mösle-Stube im Stadtteil Waldsee: Kultwirt ist ins Pflegeheim umgezogen – nach der Abschiedsparty am Freitag ist Schluss

An diesem Freitag wird in einer der urtümlichsten Freiburger Kneipen das letzte Bier über den Tresen gehen. Die Mösle-Stube macht zu – nach bewegten 50 Jahren. Rudi Kuhni, der Wirt der Möslestube, ist eine Lokalberühmtheit. Nun geht der 89-Jährige in Rente. Er ist bereits in ein Pflegeheim umgezogen, da bei ihm zuletzt einige altersbedingte Gebrechen hinzukamen, die eine Fortsetzung des Wirte-Daseins zu mühsam machten. Wie ein lebendes Denkmal hielt er, auf seinen Rollator gestützt, auch während des Corona-Lockdowns eisern in seiner Kneipe Wache und unterhielt sich ab und an durchs Fenster mit Stammgästen. Für Kuhni, für den der tägliche Plausch mit Gästen stets wie ein Lebenselixier war, war dies eine doppelt schwere Zeit.
Der Ur-Freiburger stand 50 Jahre hinterm Tresen und das 365 Tage im Jahr – sogar an Weihnachten. „Hier eine Kneipe reinzubauen, das war meine Idee. Vorher war eine Bäckerei drin“, berichtete er dem Wochenbericht.
Mit den Jahren verwandelte sich die Kneipe in der Schwarzwaldstraße 147 zu einem Paralleluniversum. Wer die Möslestube betritt, fühlt sich als hätte ihn eine Zeitmaschine ins Deutschland der frühen 70er-Jahre zurückgebeamt. In schummrigem Licht blickt der Gast auf eine Welt, die aus schwerem Holz, Bierhumpen und barocken Weingläsern besteht, die Ecken und Wände sind vollgestopft mit Andenken und Kuriositäten. Nicht erschrecken, der grimmige Gorilla hinter der Tür ist nur eine Attrappe!
Leicht verblichene Fotos und eine sagenhafte Postkartensammlung erzählen aus einem bewegten Kneipenleben. Bewegt ist auch das Leben von Kuhni selbst, der in breitestem Alemannisch seine Stationen aufzählt: Angefangen hat er als Betriebselektriker im Gaswerk der Stadt Freiburg, später war er bei Siemens, danach als Monteur kreuz und quer auf Achse, ehe er umsattelte und Vertreter für Rivella in Südbaden wurde. 1965 wechselte er in die Gastronomie. 1970 fand er schließlich mit der Mösle-Stube seine Bestimmung. Bis dato hält er die älteste Konzession in ganz Freiburg.
Der Kartoffelsalat und die Schnitzel sind so legendär, dass sie – wie Rudi selbst – längst Teil der Freiburger Folklore sind. Dazu zählt natürlich auch die Jukebox, die bis heute nur mit Zwei-Mark-Stücken zum Laufen gebracht werden kann und jeglichen musikalischen Trends trotzt. Die vielen Dauergäste lieben genau das: Der Gast weiß, was er bekommt. Rudi Kuhni lebt seinen Kneipiers-Job mit Leib und Seele. „Ich kann mir einfach nichts Besseres vorstellen. Man hat immer Kontakt. Es wird nie langweilig“, erzählte er vor einigen Jahren dem Wochenbericht. Eines von Rudis festen Ritualen war bislang, dass er sich ab 22 Uhr selbst ein Bierchen zapft. Immerhin geht in der Mösle-Stube das Licht erst weit nach 1 aus. Erst dann ist Feierabend. Zum Schluss gibt’s stets einen Schnaps. Seine Leberwerte seien stets tadellos gewesen, betont er.
Nun also schließt sich dieses Stück Freiburger Kneipengeschichte in der Nacht von Freitag auf Samstag. Rudi, das weiß seine Tresenvertretung, macht diesen Schritt nicht gerne, aber er akzeptiert es und es gefalle es ihm im Heim inzwischen recht gut. Die Mitbewohner dürften sich nun an seinen legendären Witzen und Anekdoten erfreuen. Ob die Mösle-Stube nach der Abschiedsfeier jemals unter einem neuem Pächter öffnen wird, steht in den Sternen. Vorstellen kann man sich es nicht so recht.

Sven Meyer

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