Einen Verleger zieht es in die Politik

Der vor 222 Jahren gegründete Herder Verlag ist weit über Freiburgs Grenzen hinaus bekannt – Digitalschub durch Coronakrise

Der Freiburger Verleger Manuel Herder (54) möchte 2021 für die CDU in den baden-württembergischen Landtag einziehen. Der Chef des Freiburger Traditionsverlages hat seine Kandidatur für den Wahlkreis Freiburg I kürzlich bei den Kreisverbänden der CDU eingereicht. Redakteur Detlef Berger sprach im exklusiven Interview mit Manuel Herder unter anderem über das 222-jährige Bestehen des Herder Verlages im Corona-Jahr, die „Chancen der Krise“, neue digitale Kommunikationssysteme und natürlich über seine politischen Ambitionen.„Am Anfang bekamen wir schon einen großen Schreck“, sagt Herder, aber mit einem rollierenden Arbeitssystem samt Homeoffice, zwischenzeitlicher Kurzarbeit und „sehr viel Eigenverantwortung“ sei man recht gut durch die Krise gekommen. Zwei Drittel der Mitarbeiter habe man gleich zu Beginn des Lockdowns ins Homeoffice geschickt. Mittlerweile sei die Verantwortung für die Gesundheit der Menschen aber auf die einzelnen Abteilungen übertragen. Denn: „Seit nunmehr 222 Jahren geben wir Menschen mit unseren Büchern und Zeitschriften Orientierung“, da wisse man, wie mit einer schwierigen Situation umzugehen sei und brauche keine Vorgaben vom Chef.
Der 1798 ins Leben gerufene Verlag steht seit jeher vor allem für Literatur zu Glauben, Werten, Bildung sowie Erziehung, Politik, Pädagogik und Lebensgestaltung. Keine Frage, die elementaren Fragen beschäftigten die Menschen damals wie heute. Etwa 80.000 Bücher hat der Verlag im Laufe seiner langen Geschichte verlegt. 2019 war er einer der drei führenden Bestsellerverlage, und Herder-Bücher sind regelmäßig auf der Spiegel- Bestseller-Liste zu finden. In den meisten Segmenten, die der Verlag bedient, ist man Marktführer. In Freiburg arbeiten heute etwa 165 der rund 190 Mitarbeiter, die anderen an den Standorten in München und Berlin. Nach wie vor ist das Unternehmen in Familienhand. Verleger Manuel Herder führt es seit dem Jahr 2000 in sechster Generation.

Digitalschub durch die Corona-Pandemie
„Wir haben durch Corona einen Digitalschub erlebt“, fasst Herder die letzten Monate zusammen. Als Mittelständler müsse man die Dinge positiv sehen und jede Krise auch als Chance betrachten. „Aufgrund der Kontaktsperre waren wir gezwungen, uns zu hinterfragen und unsere Abläufe und Entscheidungswege neu zu definieren“, sagt Herder. „Wir mussten es akzeptieren und das Beste daraus machen.“ Die Corona-Krise habe eindrucksvoll vor Augen geführt, wie schnell eine Pandemie die gewohnte Lebensweise und das Wirtschaften ins Wanken bringen könne. „Es ist nicht die erste und bestimmt auch nicht die letzte Krise in unserer Verlagsgeschichte“, sagt Herder. „Gerade in schwierigen Zeiten können Bücher aber viel bewegen – nicht nur als Zeitvertreib, sondern auch zur Weitergabe von Wissen und Erfahrungen.“
Bei der täglichen Arbeit im Verlag erlebte Herder so manche große Überraschung. „Wir mussten von einem Tag auf den anderen lernen, das persönliche Gespräch durch Videokonferenzen zu ersetzen.“ Im Videoformat komme das gesprochene Wort freilich ganz anders zur Geltung als in einer Besprechung von Mensch zu Mensch. Der Blick fürs Wesentliche sei dadurch geschärft worden, auch wurden die Besprechungen kürzer.
Ein zusätzliches Kommunikationssystem sorgte dafür, dass der Informations- und Datenaustausch in den Teams ungehindert floss. „Das klappte erstaunlich gut“, resümiert Herder. Die Mitarbeiter seien diese Herausforderung mutig und konsequent angegangen. So sei automatisch eine flexiblere Unternehmenskultur entstanden, auch dank Mitarbeitern, die in der letzten Zeit hinzugekommen seien und neue Akzente gesetzt hätten.


Erfolge sollen gemeinsamgefeiert werden
Die Onlineredaktion wurde in den letzten Monaten stark ausgebaut und neue Veranstaltungsformate für Buchvorstellungen im Netz entwickelt. In Zukunft wolle man viel weniger Geschäftsreisen durchführen. Doch wenn man sich persönlich träfe, „wolle man mehr Zeit miteinander verbringen und die Erfolge ausgiebig feiern“, nannte Herder eine der Krisen-Erkenntnisse der letzten Monate. Der Onlinevertrieb habe „stark zugenommen“, erzählte der Verleger. Zeitweise sei Herder zusammen mit Thalia (Herder-Übernahme 2016) bei Onlinebestellungen deutlich schneller lieferbar gewesen als der bekannte Onlineweltmarktführer. Das sei ein großes Erfolgserlebnis für alle gewesen.

Bestseller in Krisenzeiten
Zahlreiche Titel habe man aufgrund der Krise verschieben oder absagen müssen. Dafür wurde ein Buch von Anselm Grün vorgezogen mit dem Titel „Quarantäne“. Darin berichtet der Benediktinerpater aus der Erfahrung der Mönche über das Leben in Abgeschiedenheit. In Krisenzeiten erlebten aber auch Titel wie „Selbstliebe“ und „Auf die Seele hören“ von Michael Tischinger (Chefarzt der Adula-Klinik in Oberstdorf) eine Renaissance. Überhaupt habe Corona viele neue Themen ans Tageslicht gebracht. Zentrale Fragen seien, wie man „als Mensch mit der Fremdbestimmung von Maskenpflicht bis Schulschließung“ umgehe und wie Selbstständige, Mittelständler und die Wirtschaft überhaupt mit der Situation zurechtkämen. Im Juli erscheint dazu „Der Corona-Schock: Wie die Wirtschaft überlebt“ von Hans-Werner Sinn in die Regale der Buchhändler.

Jubiläum mit einem Augenzwinkern
Das „222-jährige Jubiläum mit einem Augenzwinkern“ sei für Herder in erster Linie ein Anlass, danke zu sagen an alle Mitarbeiter, Leser, Autoren und Weggefährten des Freiburger Traditionsverlages. „Das Verlegerleben bedarf anderer Menschen und wird nie langweilig“, ist das Fazit seiner eigenen Erfahrung und der Geschichte des Verlages. 1798 legte der Gründer Bartholomä Herder in Rottweil mit „Reichstaatsrechtliche Untersuchung“ das erste gedruckte Buch vor. Drei Jahre später gründete er den eigentlichen Verlag in Meersburg und zog 1808 an den heutigen Stammsitz in Freiburg. So gesehen gebe es praktisch zwei Gründungsdaten für den Verlag, so Herder rückblickend.

CDU-Kandidatur als neue Herausforderung
„Ich habe in meinem Leben viele Chancen bekommen. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben“, sagt Manuel Herder und ergänzt „wir leben in einem großartigen Land und es lohnt sich, sich für dieses Land einzusetzen“. Sein Entschluss sei während des Corona-Lockdowns gereift. Die Neuordnung des Verlages in dieser Zeit habe ihm die Chance geboten, operative Verantwortung abzugeben. Geschäftsreisen, Konferenzen und Präsentationen hätten inzwischen die Verlagsleiter übernommen, „und ich habe mir Freiraum geschaffen.“
Offen für Neues ist der Mittelständler allemal. „Es gibt viele politisch Interessierte Menschen in unserem Land, aber zu wenige, die sich auch politisch engagieren. Ich hoffe, ich kann durch meine Bewerbung auch andere motivieren, aktiv an unserem Gemeinwohl mitzuwirken.“ Bewerben muss er sich ganz regulär auf einem Nominierungsparteitag am 18. September 2020.

Detlef Berger

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