„Fast immer auf sich allein gestellt“

Ehemalige Heimkinder müssen mit 18 oft ohne Unterstützung zurechtkommen - Verein bietet Hilfe an

In Deutschland leben etwa 200.000 junge Menschen in Wohngruppen und Pflegefamilien. Aber wie geht das Leben nach der Jugendhilfe weiter? Beim Übergang in ein eigenständiges Leben sind die sogenannten Careleaver meist auf sich allein gestellt. Unter dem Dach des Careleaver e.V. setzen sich seit 2012 Betroffene jeden Alters in einer eigenständigen Interessensvertretung für die Belange von jungen Menschen in stationärer Hilfe ein und helfen ihnen, auf eigenen Füßen zu stehen. Um die Arbeit des Vereins noch bekannter zu machen und zu erweitern, hat der Verein seit diesem Jahr in Freiburg die bundesweit erste Koordinierungsstelle eingerichtet. Anna Henschel sprach mit Vorstandsreferentin Katharina Treyer über das Programm und die Tücken der Selbstständigkeit ohne familiäre Hilfe.

Welche Probleme stellen sich Careleavern beim Übergang in ein eigenständiges Leben, im Vergleich zu anderen Jugendlichen?

Katharina Treyer: Der Auszug aus dem Elternhaus findet gewöhnlich zwischen dem 22. und 24. Lebensjahr statt. Wer in der Jugendhilfe lebt, muss diese häufig schon mit 18, spätestens mit 21 Jahren verlassen. Zu dem Zeitpunkt ist aber nicht immer klar, wie der berufliche Weg funktioniert: Mache ich eine Ausbildung? Kann ich meinen Unterhalt damit schon finanzieren? Bei allen Fragen sind Careleaver häufig auf sich alleine gestellt, während die Gleichaltrigen ihre Eltern fragen. Das Careleaver-Netzwerk versucht, diese Lücke zu schließen.

Wie kann man sich die Unterstützung durch den Verein beziehungsweise das Netzwerk der Careleaver konkret vorstellen?

Treyer: Das Hauptziel ist, dass sich Careleaver besser untereinander vernetzen. Hierfür gibt es Regionalgruppen, wie in Stuttgart, in denen man sich mal am Nachmittag trifft, Workshops organisiert, aber auch gemeinsame Wochenenden und Weihnachtsfeiern gestaltet. Dort treffen die Careleaver auf jene, die wissen und verstehen, wie es einem geht. Der Verein wiederum fungiert als Institution, die die Interessen der Careleaver auch auf politischer Ebene vertritt. Beispielsweise beteiligt er sich gerade an der aktuellen Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Bei konkretem Beratungsbedarf vermittelt der Verein an die zuständigen Ombuds- und Beratungsstellen. Grundsätzlich kann sich aber jede und jeder Interessierte in einem Ehrenamt an der Unterstützung beteiligen. Seit kurzem gibt es im Verein außerdem einen Notfallfonds. Dort finden Careleaver in Not finanzielle Unterstützung. Über die E-Mail notfallfonds@careleaver.de erfolgt die Antragsstellung.

Careleaver e.V. hat nun vor Kurzem ein eigenes Büro in Freiburg eingerichtet – gibt es in Freiburg besonderen Bedarf?

Treyer: Besonderen Bedarf gibt es wohl in allen größeren Städten. Leider gibt es kaum konkrete Zahlen, wie viele Jugendliche sich in diesem Übergang befinden. Für uns als Verein war es wichtig, einen festen Standort zu haben, damit klar ist, wohin man sich mit Fragen zum Thema wenden kann. Vor allem aber haben die Careleaver hier in Südbaden noch keine Anknüpfungspunkte. Wir hoffen, mit der Präsenz vor Ort die Kontakte zu Jugendhilfeeinrichtungen und Jugendämtern herstellen zu können und auch hier ein Netzwerk aus Careleavern und Ehrenamtlichen zu etablieren. Nähere Informationen zum Careleaver e.V. gibt es im Internet unter www.careleaver.de

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