Signal nach innen und außen

Mit seiner Vertragsverlängerung sorgt Christian Streich für Planungssicherheit beim SC Freiburg

Der Hype um Christian Streich nimmt bisweilen ungewöhnliche Ausmaße an. Streich sei der „Philosoph aus dem Schwarzwald“ urteilte jüngst die renommierte New York Times, die es sich nicht nehmen ließ, den dienstältesten Trainer der Fußball-Bundesliga zu interviewen. Dabei will Streich vor allem eines: Trainer sein. Ausgerechnet in der Pandemie-Phase gelingt ihm das so gut, wie lange nicht in seiner Amtszeit.Wie sein Abschied vom Cheftraineramt beim SC Freiburg eines Tages aussehen soll, darüber hat Christian Streich recht genaue Vorstellungen: Das Tollste für ihn wäre, wenn der SC „im Jahr vorher eine ordentliche Saison gespielt hat“ und der Verein dann sage „Super, es ist alles gut“. Und dass der Abschied nicht „zu dramatisch“ werde, so der 55-Jährige im vergangenen Jahr. So gesehen hat der Freiburger Coach gerade einen ziemlich guten Zeitpunkt für einen Abschied verpasst: Die Mannschaft bleibt erstklassig, sie ist intakt und momentan Achter in der Tabelle. Selbst der Sprung aufs internationale Parkett ist noch drin. Wäre da nur nicht diese verflixte Pandemie. Ein Abschied in einer Geisterspielsaison? Nicht mit Streich.
Der Eimeldinger hätte also überzeugender nicht sein können, als er in der vergangenen Woche öffentlich erklärte: „Ich bin gerne Trainer hier. Und ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre Trainer sein kann.“ Ausgerechnet in der vielleicht verrücktesten Bundesliga-Saison aller Zeiten, in der die Fußball-Stars der Liga vor leeren Zuschauerrängen kicken, erleben die Fans die vielleicht beste Version von Christian Streich. „Ich bin vollständig zurückgeworfen auf die A-Jugend-Zeit“, sagte er nach dem 2:2 in Wolfsburg. 17 Jahre stand Streich als Jugend-Trainer beim SC an der Seitenlinie. Wie damals könne man nun auch in den leeren Bundesliga-Stadien „miteinander kommunizieren“. Das, so der SC-Coach, mache ihm „total Spaß“. Von der direkten Kommunikation mit seinen Spielern auf dem Platz profitiert wiederum der Freiburger Fußball. Fußballerisch und von der Raumaufteilung sei die Partie gegen Wolfsburg eines der besten Spiele der Saison gewesen, so Streich. Auch gegen Leipzig, Leverkusen und Gladbach sei es gelungen, „den Fans ein richtig tolles Spiel zu bieten“.
Während also die „New York Times“ in Streich den „Philosophen aus dem Schwarzwald“ sieht (eine Formulierung, der Streich am Montag widersprach), ist die nach wie vor treffendste Beschreibung Christian Streichs die seines Berufes: Fußballtrainer. Der auch als das „Gewissen der Liga“ bezeichnete Streich (so nannte ihn 2017 Martin Schmitt, damals Trainer des FSV Mainz) hat zwar längst ein Standing erreicht, das die Fesseln des reinen Trainerberufes zu sprengen scheint. Keiner der aktuellen Erstligatrainer arbeitet so lange bei ein- und demselben Verein wie er. Und keinem seiner Trainerkollegen gelingt es so treffend, gesellschaftliche Geschehnisse abseits des Fußballs in Worte zu fassen. Doch am Ende geht es immer noch um Fußball: Und so ist Christian Streichs erneute Vertragsverlängerung ein Signal nach innen und nach außen, mit dem vor allem sein Verein wuchern kann. Hier arbeitet ein Trainer, der nicht nur geliebt und geschätzt wird, sondern der seine Kernaufgabe – eine Mannschaft zu führen und diese sportlich weiter zu entwickeln – nach allen Regeln der Kunst beherrscht. Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung, wenn es darum geht, Bundesliga-Spieler davon zu überzeugen, für diesen Verein im äußersten Südwesten der Republik aufzulaufen – und eben nicht für Hertha, Gladbach, Leipzig oder Lissabon (auch wenn die mehr bezahlen). Vor der anstehenden Transferperiode hat der SC damit die wichtigste Personalie unter Dach und Fach gebracht. SC und Streich, das passt. „Bis einer sagt, ich will es nicht mehr“, so Streich. So einfach kann das sein.

Matthias Joers

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