Kein blinder Fleck mehr

Ausstellung und Informationskampagne zur JVA im Rahmen des Stadtjubiläums

Es währte länger als ursprünglich geplant – doch jetzt endlich ist es soweit: Am 19. Juni, um 18.30 Uhr wird die Ausstellung zum Foto- und Informationsprojekt „Strafraum – Absitzen in Freiburg“ vor der JVA Freiburg eröffnet.Über neun Monate – vom 20. Juni 2020 bis 27. März 2021 – werden im öffentlich zugänglichen Außenbereich der JVA die großformatigen Fotoarbeiten zu sehen sein.
Als die Freiburger Justizvollzugsanstalt (JVA) vor 150 Jahren errichtet wurde, lag sie noch außerhalb der Stadt. In ihrem Projekt „Strafraum – Absitzen in Freiburg“ wollen sie die JVA, die in der Stadt mehrheitlich als „blinder Fleck“ verdrängt wird, für die Freiburger „sichtbar“ machen und dadurch eine öffentliche Auseinandersetzung mit Strafvollzug und Resozialisierung anregen.


Fotos machen Mauern durchlässig
Über vier Jahre lang nahm die Freiburger Fotografin Britt Schilling als Ehrenamtliche am wöchentlichen Gesprächskreis mit Gefängnispfarrer Michael Philippi in der JVA teil. Ein Jahr lang führte sie dort auch gemeinsam mit den teilnehmenden Inhaftierten ein Text-Bild-Tagebuch, was sie motivisch zum Thema der „Transparenz“ inspirierte. Daraus ist schließlich die Fotoausstellung entstanden: Diese zeigt im öffentlich zugänglichen Außenbereich der JVA die Rückenansichten einiger Inhaftierter mit ausgewählten Zitaten aus dem Gesprächskreis und dem daraus entstandenen Tagebuch. Auf die Innenseite der Mauer sind – für die Öffentlichkeit verborgen, jedoch im Innenbereich sichtbar – die entsprechenden Vorderansichten, mithin deren Porträts, tapeziert. Eine weitere Außenmauer mit zwanzig Fotoarbeiten entlang der Hermann-Herder-Straße eröffnet Einblicke in Hafträume der JVA. Auf diese Weise werden die Gefängnismauern zu einer Art durchlässiger Membran zwischen Innen und Außen, Haft und Freiheit, Ich und Gesellschaft.
Die Filmemacherin und Stiftungsrätin der Freiburger Bürgerstiftung Reinhild Dettmer-Finke erkannte in der Idee Britt Schillings sofort das Potential für eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem heiklen Thema „Strafvollzug“. Um das Thema auch „in die Stadt hineinzutragen“, organisierte die Projektleiterin parallel zur Fotoausstellung verschiedene Begleitveranstaltungen, etwa ein Informationsprogramm mit dem Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht und der Evangelischen Hochschule Freiburg, die im September starten sollen. Diese Veranstaltungen sind jeweils an eine Führung durch die Ausstellung gekoppelt. Auch ein Begleitbuch, erschienen im Herder-Verlag, gibt es über den Strafvollzug, mit wissenschaftlichen Untersuchungen und Fotostrecken (Redaktion: Stiftungsrat Thomas Hauser). Zudem werden in Kooperation mit dem Kommunalen Kino (KOKI) Filme zum Thema gezeigt. „Neunzig Prozent der Inhaftierten kommen ja irgendwann raus. Spätestens dann sind wir wieder mit dieser gesellschaftlichen Aufgabe konfrontiert“, gibt Britt Schilling zu bedenken. „Die Häftlinge von heute sind also unter Umständen unsere Nachbarn von morgen.“ Und Reinhild Dettmer-Finke fügt hinzu: „Und darum ist unser Fotoprojekt so wichtig. Unser Ziel ist letztendlich ein Anti-Stigma-Projekt.“
www.strafraum-freiburg.de

Zurück