Das Virus als digitaler Antreiber

Videokonferenzen, Online-Seminare, Gerätekauf – wie Freiburg den Digitalisierungsschub durch Corona erlebt

Der coronabedingte Lockdown hat einen deutlichen Digitalisierungsschub zur Folge. Zu diesem Schluss kommen Firmen und Verwaltungen aus Freiburg. Was hat sich getan in Freiburg in digitaler Hinsicht – und was davon bleibt?„Deutschland hat während des Corona-Lockdowns einen echten Digitalisierungsschub erlebt.“ Das sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in der vergangenen Woche, als sie die Ergebnisse einer Ernst & Young-Studie vorstellte, wonach die Menschen wegen Corona mehr Zeit in Videokonferenzen verbringen und häufiger online einkaufen. So glauben 35 Prozent der Befragten, sie werden auch in den nächsten ein bis zwei Jahren häufiger Videokonferenzen in der Arbeitswelt nutzen. Auf der anderen Seite „hat die Corona-Krise uns Deutschlands digitale Defizite deutlich vor Augen geführt“. Zu diesem Schluss kommt Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom, als er vor einer Woche den neuen Digitalindex der EU (DESI) kommentierte. Dort belegt Deutschland den 12. Platz unter 27 EU-Mitgliedsstaaten. „Ein Platz im Mittelfeld kann aber nicht unser Anspruch sein“, sagt Berg.
Bernd Mutter, Digitalisierungsbeauftragter der Stadt Freiburg, kann ein Lied davon singen, wie groß die Mammutaufgabe Digitalisierung ist und welche Folgen der Corona-Lockdown hatte. „Unsere Leute hatten viel Stress“, sagt er über die zurückliegenden Monate. Vieles, was die Stadtverwaltung beim Ausbau der digitalen Infrastruktur ohnehin geplant habe – nur eben „langsamer“ – sei nun sehr kurzfristig umgesetzt worden.


Stadt im digitalen Stress
So gab es eine deutliche Ausweitung von Home Office über viele Ämter – aktuell sind für städtische Mitarbeiter 2.500 elektronische Schlüssel für den System-Zugriff von Zuhause vorhanden. „Vor der Pandemie waren es 1.200“, sagt Mutter. Weil die Zugriffszahlen zu Beginn des Lockdowns so hoch gewesen seien, musste die Stadt vorübergehend ältere Hardware reaktivieren, um Serverkapazitäten zu schaffen. Inzwischen sei eine neue Serverzentrale angeschafft worden. Ursprünglich nicht geplant, aber wegen Corona notwendig geworden, sei „die kurzfristige Beschaffung von 2.500 Lizenzen für Video-Konferenzen“, so Mutter. Auch hat die Stadt 200 zusätzliche Geräte erworben, darunter Client-Rechner, Laptops, Headsets. Bei den elektronischen Verwaltungs-Services wie etwa Online-Anträge habe es ebenso einen klaren Corona-Effekt gegeben – vor Corona seien 70 Online-Services auf dem zentralen Portal des Landes angemeldet gewesen. Nun kamen 145 weitere Online-Antragsverfahren hinzu – Freiburg ist hier sogar eine von drei Pilotkommunen des Landes.
Institutionen, Firmen, sogar Sportvereine – innerhalb kürzester Zeit hat der Lockdown den digitalen Wandel der Gesellschaft beschleunigt. Auch das Medien- und Softwareunternehmen Haufe, einer der größten Arbeitgeber in Freiburg, bestätigt das. „Wir beobachten derzeit einen deutlichen Digitalisierungsschub“, erklärt die Haufe Group gegenüber dem Wochenbericht. Nach Einschätzung des international tätigen Unternehmens, dessen Jahresumsatz bei 407 Millionen Euro liegt, zeige die Coronakrise, dass die digitale Transformation „integraler Teil der unternehmerischen Agenda“ sein sollte. „Sie ermöglicht Unternehmen mit der hohen Geschwindigkeit der Entwicklungen mitzuhalten und einschneidenden Ereignissen wie Corona flexibler zu begegnen“, so die Haufe Group. Und obwohl viele Produkte der Haufe Group ohnehin digitaler Natur sind, hat sich auch das Unternehmen wegen der Corona-Effekte teilweise neu erfinden müssen. So wurden sämtlliche Seminare und Weiterbildungsangebote der Haufe Akademie „virtuell durchgeführt und zur Verfügung gestellt“ – weil hier die Nachfrage von Kunden so stark war.


Wie nachhaltig ist das?
Doch was bleibt am Ende von all dem übrig? Sehr viel, glaubt Bernd Mutter – das zeige schon das Konjunkturpaket der Bundesregierung, das milliardenschwere Summen für den Ausbau künstlicher Intelligenz und des Mobilfunkstandards 5G vorsieht. „Home Office wird bleiben und sich in eine gute Balance einpendeln. Auch die Fortbildung der Führungskräfte über digitales Führen wird auf die Agenda kommen“, glaubt Mutter. Zudem werde die Digitalisierung an Schulen an Fahrt aufnehmen. Bei Haufe vermutet man gar, dass das Vertrauen in digitale Anwendungen, „die vor Corona noch kritisch gesehen wurden, wie z.B. Cloud Systeme“ steigen werde. „Wichtig dabei ist und bleibt, Digitalisierung als nachhaltige Chance zu verstehen und Veränderungen positiv zu begegnen“, so das Freiburger Unternehmen.

Matthias Joers

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