„Es trifft den Nerv der Leute“

Humor in Corona-Zeiten: Peter Gaymann findet auch in der aktuellen Corona-Krise treffgenaue Pointen

Peter Gaymann, vielseitiger Cartoonist mit Freiburger Wurzeln, ist bundesweit bekannt. Auch ihn beschäftigt das Thema Corona. Mit seinen charakteristischen Zeichnungen und spitzer Feder nimmt der Karikaturist den Corona-Alltag aufs Korn und will dabei auch als Seelentröster wirken. Sven Meyer unterhielt sich mit ihm über Humor in Corona-Zeiten.

Herr Gaymann, darf man überhaupt über Corona Witze machen?

Gaymann: Aber selbstverständlich. Offiziell hat das ja zum Glück niemand verboten – im Gegenteil: Die vielen Videos und Fotos, die sich über Corona amüsieren und gerade per Handy in der ganzen Welt hin und her geschickt werden, zeigen doch, wie sehr die Menschen sich nach humorvoller Ablenkung sehnen. Vielleicht brauchen wir derzeit sogar mehr Humor denn je, denn Humor hat ja auch eine heilende und entspannende Funktion. Außerdem bekommt man dadurch etwas Abstand.

Wie verarbeiten Sie das, was das Virus derzeit mit der Gesellschaft macht, in ihren Cartoons?

Gaymann: Ab dem ersten Tag des Lockdowns war es für mich wie für alle anderen natürlich eine veränderte Situation, auch wenn mein Arbeitsleben davon praktisch gar nicht beeinflusst war. Trotzdem war ich ein Stück weit geschockt und habe mich gefragt, was da abgeht und was das für die nahe Zukunft bedeutet. Das regt natürlich sehr viele Diskussionen an, was man ja gesehen hat: Von Talkshows bis Zeitung war Corona auf einmal das Thema. In meinem Kopf ging auch gleich ein Film ab und sofort haben sich kleine Cartoon-Geschichten entwickelt. Seit dem Lockdown habe ich jeden Tag einen Cartoon gezeichnet, der sich mit allen Aspekten rund um Corona humoristisch auseinandersetzt. Was macht das mit den Kindern, den Familien, mit Paaren, Geschäften etc. Das ganze Thema setzt bei mir sogar mehr Ideen frei als sonst.

Sie liefern auf ihren digitalen Kanälen seitdem täglich Seelentröster in Form von witzigen Cartoons, die Sie zum Teil am selben Tag gezeichnet haben. Woher kommt diese Produktivität?

Gaymann: Ich mache das, weil ich denke: Das ist jetzt aktuell und beschäftigt gerade die Menschen. Also raus damit! Wenn ich die Zeichnungen alle bei mir behalte und dann in ein, zwei Jahren veröffentliche, weiß ich nicht, ob das dann überhaupt noch jemand sehen mag. Jetzt gerade trifft es den Nerv der Leute, wenn ich mir anschaue, wie stark das Feedback auf meinen Social Media-Kanälen gestiegen ist. Auch der Bayerische Rundfunk war schon hier und hat gedreht. Nun hat mein Verlag angefragt, ob wir nicht ein Buch machen können. Das ging diesmal schnell. Anfang Juni erscheint es.

Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Gaymann: Im Alltag. Manchmal reicht schon eine Pressekonferenz oder Talkshow und in meinem Kopf entsteht das Cartoon. Oder ich spreche am Telefon mit meiner Tochter, die zwei Kinder zuhause hat und gerade den alltäglichen Wahnsinn erlebt.

Sie kommen aus Freiburg, leben nun in der Nähe von München. Gibt es regionale Unterschiede im Umgang mit Corona?

Gaymann: Nein, obwohl es bei fast allen Dingen regionale Unterschiede gibt, die ein Cartoonist dankbar aufnimmt. Aber bei Corona reagieren alle gleich, würde ich sagen. Im Gegenteil, ich glaube, Corona ist so international, dass meine Cartoons zu dem Thema auch in anderen Ländern funktionieren würden.

Wie gehen Sie als Privatmensch mit der neuen Situation um? Vermissen Sie vieles oder genießen Sie die neue Ruhe?

Gaymann: Wie wohl die meisten Menschen bin ich da zwiegespalten: Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch und treffe mich gerne mit Freunden. Das fällt gerade weitgehend aus, ebenso wie Kino und Oper, was meine Frau und ich auch gerne machen. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass ich in einer sehr privilegierten Situation lebe. Mein Atelier ist im eigenen Haus, wir haben einen wunderschönen Garten und wir können uns hier vor den Toren Münchens auch sorgenfrei draußen bewegen zwischen Feldern und Wäldern. Beim Einkaufen meiden wir große Supermärkte und kaufen eigentlich nur noch bei kleinen Hofläden. Wenn ich etwas Positives in dieser Krise sehe, dann ist es, dass man tatsächlich ein bisschen runterkommt. Statt auf Veranstaltungen zu gehen, lesen wir jetzt mehr. Das kann man auch genießen. Ich wünsche mir aber für alle, dass es bald wieder anders wird.

Zum Schluss noch: Sie werden bald 70 Jahre alt, haben mit „Typisch Bayerisch“ (Belser Verlag) ein neues Buch rausgebracht, ein weiteres erscheint nächsten Monat und Sie sind auf Instagram und ihrer Homepage produktiv wie nie. Hört sich nicht danach als wollten Sie bald kürzer treten?

Gaymann: Ich rede ab und zu mal davon, kürzer zu treten. Ich denke auch tatsächlich, es müssen nicht jedes Jahr zwei oder drei Bücher oder noch mehr Aufträge sein. Da ich allerdings selbst im Urlaub zeichne, werde ich das wohl auch weiter tun und jeden Tag, so lange die Gesundheit mitspielt, mit Freude ins Atelier gehen. Andere Leute träumen davon, als Rentner kreativ zu werden, ich bin es ja schon. Warum sollte ich also damit aufhören?

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