„Erstmals ein völliger Stillstand“

Marcel Thimm, Chef der Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, über Hilfen für Unternehmen und erhöhten Beratungsbedarf

Im Gespräch mit Wochenbericht-Redaktionsleiter Sven Meyer erklärt Sparkassen-Chef Marcel Thimm, wie die Sparkasse auf die Corona-Krise reagiert, welche Sorgen die Kunden jetzt umtreiben und wie es wirtschaftlich weitergehen könnte.

Herr Thimm, Hand aufs Herz, hätten Sie sich ausmalen können, dass so etwas wie die Corona-Pandemie mit all ihren Auswirkungen in Ihrer Lebenszeit passiert?

Marcel Thimm: Nein, aber damit bin ich wohl nicht alleine. Die Experten und Entscheider in Politik und Wirtschaft wurden wohl ebenso überrascht. Selbst viele Mediziner waren am Anfang der Meinung, es handele sich nur um ein geringes Risiko.

Wie hat die Sparkasse intern reagiert als klar wurde, dass von nun an auch bei uns eine Ausnahmesituation herrscht?

Thimm: Die Entwicklung lief ja in hoher Geschwindigkeit ab und es war zeitweise schwierig, damit Schritt zu halten. Es mussten in kurzer Folge weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Gesundheitsschutz für Kunden und Mitarbeiter bei gleichzeitiger Sicherung der Grundversorgung unserer Kunden mit Bankdienstleistungen wie Bargeld, Zahlungsverkehr und Krediten waren die Herausforderungen. Der Bedarf unserer Kunden hat sich schlagartig verändert. Dafür mussten wir unsere Betriebsorganisation neu ausrichten. Zum einen waren das Maßnahmen wie Homeoffice, Raum Splitting, Schichtbetrieb etc., um das Risiko eines Ausfalls ganzer Betriebsbereiche durch Quarantäne zu verhindern. Zum anderen waren es Kapazitätsverlagerungen, um uns auf die erhöhten Kundenbedürfnisse in den Corona-tangierten Bereichen wie kurzfristige Finanzierungshilfen, Bargeldversorgung und unseren Telefonteams einzustellen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf das Geschäft der Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau?

Thimm: Zunächst verzeichneten wir einen deutlichen Rückgang der Kundenfrequenz in unseren Geschäftsstellen. Dies hat es uns erleichtert, die meisten Standorte zu schließen, um personelle Kapazitäten für Schichtbetrieb und Corona-bedingte Sonderbereiche freizusetzen. Ich bin den betroffenen Kolleginnen und Kollegen, die diese veränderten Aufgabenstellungen schnell und pragmatisch angegangen sind, für ihre große Einsatzbereitschaft sehr dankbar. So etwas ist nicht selbstverständlich. In den für den Publikumsverkehr noch geöffneten Standorten haben wir durch Trennscheiben, Maskenpflicht, Abstandsregelungen und Kundenleitsysteme die Ansteckungsrisiken für Kunden und Mitarbeiter begrenzt.

Hat sich die Beratung der Kunden auf andere Kanäle verlagert?

Thimm: So ist es! Dem drastisch reduzierten Besucheraufkommen steht eine Vervielfachung der Telefonkontakte gegenüber. Der Beratungsbedarf unserer Kunden ist Corona-bedingt so hoch wie nie. Dem wollen und können wir durch unsere veränderte Betriebsorganisation Rechnung tragen.

Wenn es erhöhten Beratungsbedarf gibt, welche Fragen bewegen die Kunden da am meisten?

Thimm: Viele Menschen sind in Kurzarbeit und haben mit monatlichen Einnahmenausfällen zu kämpfen. Deshalb braucht es öfters Finanzierungshilfen durch Kredite und/oder Ratenstundungen. Das Gespräch mit dem vertrauten Berater oder der Beraterin kann zusätzlich auch eine psychologische Hilfe, beispielsweise bei Zukunftsängsten, sein.

Und wie geht es den Unternehmenskunden im Geschäftsgebiet derzeit?

Thimm: In meinen 45 Jahren Sparkassentätigkeit habe ich viele Wirtschaftskrisen erlebt. Aber jetzt erstmals einen völligen Stillstand ganzer Wirtschaftsbereiche. Betroffen sind insbesondere Branchen mit vielen Klein- und Kleinstunternehmen: Gastronomie, Hotellerie, Tourismus, Veranstaltungen, Einzelhandel, um nur einige zu nennen. Kleine Unternehmen haben häufig nur geringe Reserven und geraten schnell in Existenznot. Größere Unternehmen können Durststrecken in der Regel besser überbrücken. Leider sind die betroffenen Wirtschaftszweige in unserer Region besonders stark vertreten. Deshalb geht es vielen Unternehmen aktuell nicht gut.

Was kann die Sparkasse tun, um diesen Unternehmen zu helfen?

Thimm: Wir haben schnell reagiert und die personellen Beratungskapazitäten für die betroffenen Kunden stark aufgestockt. Dort geht es in erster Linie um Liquiditätshilfen wie Kredite, Fördermittel oder Tilgungsstreckungen bei bestehenden Darlehen. Auch mit Hinweisen auf die Landeszuschüsse, die über die Kammern beantragt werden, helfen wir. In Summe funktioniert das bisher ganz gut, obwohl wir nicht jeden Kreditwunsch erfüllen können.

Sind eigentlich inzwischen alle Förderlücken gestopft – gibt es Hilfen für jede Unternehmensgröße?

Thimm: Die Verantwortlichen in Bund und Länder haben meines Erachtens schnell und richtig reagiert. Es gibt einen ständigen und guten Austausch zwischen den Vertretern der Politik, auch der regionalen Abgeordneten, der Wirtschaft und der Kreditwirtschaft. Dadurch konnten viele Förderlücken schnell geschlossen werden. Trotzdem gibt es immer noch Bereiche, in denen nachjustiert werden sollte. Aus meiner Sicht betrifft das beispielsweise Unternehmen, die bereits 2019 in Schwierigkeiten waren und deshalb von Fördermöglichkeiten ausgeschlossen sind. Diese Regelung ist noch zu starr, weil es einige Unternehmen gibt, die trotz Schwierigkeiten in 2019 gute Überlebenschancen haben. Viele Unternehmen, die jetzt Förderkredite erhalten, werden damit ihre Verluste 2020 finanzieren und die Kredite danach nur mühsam zurückzahlen können. Deshalb braucht es noch eine Flexibilisierung, dass Kredite unter bestimmten Umständen auch in Eigenkapital gewandelt oder Tilgungszuschüsse gewährt werden können. Ich bin zuversichtlich, dass in beiden Punkten noch Verbesserungen möglich sind.

Was raten Sie derzeit einem Gastronom, Caterer oder Clubbetreiber?

Thimm: Unbedingt die Landeszuschüsse als Soforthilfe bei der zuständigen Kammer beantragen und mit der Hausbank über Liquiditätshilfe in Form von Förderdarlehen sprechen. Zusätzlich aufmerksam die Medienberichte verfolgen, weil das Land Baden-Württemberg bis zum 19. Mai weitere Hilfen beschließen will. Natürlich auch intensiv zu prüfen, in wieweit Speisen und Getränke zum Mitnehmen und die jetzt beschlossenen ersten Lockerungsschritte sinnvoll genutzt werden können. Allerdings werden all diese Maßnahmen die eingetretenen Verluste höchstens abmildern und niemals ausgleichen können.

Wagen Sie eine Prognose für die nächsten Monate?

Thimm: Das ist derzeit schwierig und seriös kaum möglich. Generell wird es wohl bei einer schrittweisen Lockerung der Restriktionen bleiben. Das ist sicher der richtige Ansatz, in einigen Bereichen und Branchen kann es dann durch Nachholeffekte zu einer Erholung kommen. Am Ende hängt alles davon ab, ob eine erneute Infektionswelle und ein erneuter Shutdown vermieden werden können. Falls ja, könnten wir in zwei bis drei Jahren wieder da sein, wo wir vor Corona waren.

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