Aber bitte mit Abstand

Ab kommenden Montag kann die Gastronomie wieder öffnen – Fluch oder Segen?

Die Freiburger Gastronomie steht der Öffnung unter Auflagen in der kommenden Woche zwiespältig gegenüber. Ein Stimmungsbild.„Das war der Tiefpunkt meiner Unternehmerkarriere“, fasst der Freiburger Gastronom Toni Schlegel die vergangenen Wochen zusammen. Unter seiner Ägide werden im Greiffenegg-Schlössle, im Kastaniengarten, im Ganter Brauereiausschank, im Deutschen Haus, im Hotel Rappen und in Webers Weinstube normalerweise Tag für Tag hunderte Gäste bewirtet und versorgt. „Wir sind hochgradig frustriert, da wir ohne eigenes Zutun in eine Situation geraten sind, in der uns die Existenzgrundlage entzogen wurde“, ergänzt er. Der baldigen Öffnung sieht Schlegel, wie viele seiner Kollegen, mit zwiespältigen Gefühlen entgegen. Erst am Montag wurden die Auflagen bekannt unter welchen wieder geöffnet werden darf, nun arbeitet man fieberhaft an der Umsetzung.

Weit weg von der Normalität
Trotz aller Widrigkeiten hat Schlegel seinen Humor aber nicht verloren: „Wenn wir bei der Selbstbedienung im Kastaniengarten das Abstandsgebot einhalten, haben wir an schönen Tagen eine Schlange bis ans Schwabentor“, scherzt er. Doch Schlegel weiß, dass für ihn und die anderen Freiburger Gastronomen die Lage bitterernst ist. „Wir rechnen in den kommenden Monaten weiterhin mit Verlusten. Aufs Jahr gerechnet werden wir nicht mehr als 50 Prozent des Vorjahresumsatzes erwirtschaften“, prognostiziert der Unternehmer.
Mit deutlichen Einbußen rechnet auch Pierino Di Sanzo, Direktor des Dorint an den Thermen, nahe der Mooswaldklinik. Ein Großteil seiner Mitarbeiter ist aktuell in Kurzarbeit, nur im angeschlossenen Hotel lief bisher ein Notbetrieb für Geschäftsreisende. Di Sanzo hält rund 60 Prozent der bisherigen Gästezahl für möglich. „Durch unseren großen Außenbereich und unsere großzügig angelegten Restaurants sind wir da sehr privilegiert“, so Di Sanzo. Die Nothilfen der Regierung griffen seiner Meinung nach gut, aktuell verzögert sich allerdings die Auszahlung des Kurzarbeitergelds für den April bereits.
Eine besorgte Grundstimmung bestätigt auch Alexander Hangleiter, Geschäftsführer des DEHOGA Baden-Württemberg e.V. mit Sitz in Freiburg: „Natürlich sind viele Betriebe froh, dass zumindest Teile der Branche am 18. und am 29. Mai unter Auflagen wieder öffnen dürfen. Erfreulich ist die Absicht von Freiburg und anderen Gemeinden in der Region, unkompliziert mehr Außengastronomie zuzulassen. Aber die Auflagen und Sicherheitsmaßnahmen werden Umsatz kosten. Insgesamt ist die Situation also nach wie vor extrem angespannt. Wir sind von der ’Normalität’ noch weit entfernt.“
Für den Geschäftsführenden Direktor des Colombi Hotels, Michael-Stephan Sänger, ist die kommende Woche deshalb erst einmal ein Testlauf. „Wir werden am Montag unser Café öffnen um hier erste Erfahrungen zu sammeln“, so Sänger, „das Restaurant wird dann ab dem 29. Mai vorerst nur abends folgen, dafür aber am Pfingstsonntag und -montag auch mittags geöffnet haben.“ Das Colombi Hotel hat die Zwangspause zudem genutzt, um an verschiedenen Stellen des Hauses Renovierungsarbeiten vorzunehmen, die im laufenden Betrieb so nicht möglich gewesen wären.

„Auch die Zeit nach der Krise wird schwierig“
Jörg Dattler, Geschäftsführer des traditionsreichen Schlossbergrestaurants, hat die vergangenen Wochen mit Abhol- und Lieferservice überbrückt: „Das konnte immerhin etwas zur Kostenreduzierung beitragen und unsere Auszubildenden in Lohn und Brot halten.“ Die Auflagen für die kommende Öffnung findet Dattler zwar nachvollziehbar, doch ob die Gäste unter diesen Umständen ihren Abend noch genießen können, hält er für fragwürdig. „Zumindest einen Teil der Gäste werden die Abstands- und Hygieneauflagen mit Sicherheit abschrecken“, ist sich Dattler sicher. Zudem hätte er sich eine überlegtere Vorgehensweise bei der Öffnung gewünscht: „Vielleicht wäre eine spätere Öffnung unter weniger Auflagen der sinnvollere Weg gewesen.“
Ähnlich sieht das auch Christian Miess, der das Vorderhaus und das Hier&Jetzt am Turmcafé betreibt: „Die kommende Woche wird ein kompletter Blindflug, wir wissen nicht, was kommt.“ Zudem macht ihm auch die wirtschaftliche Lage Sorgen: „Wenn die Leute aufgrund von Kurzarbeit oder Kündigungen weniger Geld in der Tasche haben, wird am Restaurantbesuch oder ähnlichem zuerst gespart.“ Das Ausgehverhalten der Menschen werde sich nachhaltig verändern und auch noch lange nach der gegenwärtigen Krise für Umsatzverluste sorgen.
Alexander Hangleiter von der DEHOGA sieht die Zukunft ebenfalls düster. Die Frage, ob es trotz Kurzarbeitergeld und Soforthilfen zu Insolvenzen kommen wird, muss er mit einem Ja beantworten: „Finanzhilfen des Staates könnten helfen, eine solche Welle zu vermeiden. Aber nach derzeitigem Stand muss ich sagen: Ja, eine Welle der Betriebsaufgaben und Insolvenzen ist leider zu befürchten und je länger die Krise dauert, um so wahrscheinlicher wird sie. Auch die Zeit nach der Krise wird schwierig: Viele Betriebe sind finanziell ausgezehrt und verschuldet, Mittel für Investitionen fehlen.“ Claudia Kleinhans

Lesen Sie dazu das Interview mit Alexander Hangleiter von der DEHOGA auf Seite 9.

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