Irritiert in der Viruskrise

Wie zwei Italienerinnen aus Freiburg über die deutschen Corona-Maßnahmen denken

Kein Land zählt mehr Corona-Tote als Italien. Die Zahl der Todesopfer liegt bei über 6.000. Die verheerende Situation in ihrem Heimatland ist für viele im Ausland lebende italienische Staatsbürger nicht einfach, auch für Lisa (35) und Carlotta (31) – zwei junge Italienerinnen aus Freiburg.
Weil Italien schon viel länger mit den Folgen der Epidemie zu kämpfen hat und sie durch Freunde und Familienmitglieder über die dortige Situation genau informiert sind, haben sie einen anderen Blickwinkel auf die Krise als viele Deutsche. „Ich habe zum Beispiel schon Ende Februar begonnen, mich persönlich vor dem Coronavirus zu schützen – obwohl sich meine Mitbewohner da noch lustig über mich gemacht haben“, sagt Carlotta, die seit fast fünf Jahren in Freiburg lebt. Auch Lisa, die seit 2018 hier lebt, verzichtet seit mehr als drei Wochen auf Treffen mit ihren Verwandten in Freiburg oder auf Partys und Discobesuche mit Freunden.


Italien als Warnung
Was Lisa und Carlotta im Laufe des Februar am meisten irritiert hat, war die Sorglosigkeit vieler Deutscher im Umgang mit dem Virus. Vorwürfe machen sie aber nur den Behörden, weil diese die Menschen aus ihrer Sicht zu lange mit uneinheitlichen Regelungen verunsichert hätten. Das jetzt verhängte Betretungsverbot der Stadt Freiburg und die bundesweite Kontaktsperre finden sie gut. Aber, sagt Carlotta: „Ich habe von Deutschland erwartet, dass es viel früher solche Schutzmaßnahmen gegen das Virus getroffen hätte.“ Die Situation in Italien sei doch ein warnendes Beispiel gewesen. Auch in Italien seien die Ausgangssperren erst erhoben worden, nachdem sich viele nicht an die Regeln zu sozialen Einschränkungen gehalten hätten. Die Deutschen aber hält sie „für diszipliniert genug“ sich an die neuen Vorgaben zu halten.
„Ungerecht“ findet sie es jedoch, das sie so oft von Deutschen gefragt werde, warum die Situation in Italien so schlimm sei, in Deutschland aber nicht. Auch hier laufe nicht alles reibungslos, sagt Carlotta, und berichtet von einer Freundin aus Freiburg, die von ihrem Hausarzt zur Corona-Abstrichstelle an die Messe geschickt worden sei. „Sie musste mit der Straßenbahn an die Messe fahren, hatte das nötige Attest dabei und musste dann mit vielen anderen Menschen dort warten. Aber passiert ist nichts. Sie wurde nicht getestet.“ Sogar die Polizei habe die Freundin angerufen.
Ihren Familien in Italien gehe es gut. Lisa aber hat in Florenz einen guten Bekannten, ein 37-jähriger, sportlicher, fitter Mann, sagt sie: „Er liegt seit fünf Tagen auf der Intensivstation mit dem Coronavirus.“ Auch das sei ein Trugschluss vieler Deutscher, so Lisa, dass junge Menschen vom Virus nicht betroffen seien. Beide eint nun die Hoffnung, dass alles gut ausgehen werde. „Hoffentlich werden alle aus dieser Situation etwas lernen“, sagt Carlotta.

Matthias Joers

Zurück