„Das wird uns lange begleiten“

Interview mit dem Freiburger Mediziner Helmut Mielitz über eine Hausarztpraxis in Zeiten von Corona

Dr. med. Helmut Mielitz ist Hausarzt in Weingarten und hat in der vergangenen Woche auch im mobilen Abstrichzentrum der Stadt Freiburg an der Neuen Messe gearbeitet. Unsere Mitarbeiterin Sigrid Hofmaier hat den Familienvater nach seinen Erfahrungen im Corona-Ausnahmezustand befragt.

Herr Dr. Mielitz, Sie praktizieren seit vielen Jahren im Freiburger Stadtteil Weingarten. Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Wochen gemacht?

Helmut Mielitz: Wir mussten uns – wie alle – erst langsam an die Situation gewöhnen. Aber wir haben schnell reagiert und unsere chronisch kranken Patienten abbestellt, um sie nicht unnötig mit eventuell infizierten Patienten in Kontakt zu bringen. Die Grippewelle ist ja auch noch nicht vorbei.

Wie gehen Sie mit Patienten um, die meinen, sich mit dem Virus Covid-19 infiziert zu haben?

Mielitz: Wir bitten darum, nicht direkt in die Praxis zu kommen, sondern sich telefonisch zu melden. Dann vereinbaren wir einen speziellen Termin.

Wie sollen sich Patienten verhalten, die an einer anderen Krankheit leiden und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigen?

Mielitz: Wir können derzeit Patienten mit Infektionen nach telefonischer Beratung bis zu zwei Wochen krankschreiben. Diese Maßnahme gilt dem Schutz der Praxismitarbeiter, aber auch der Öffentlichkeit. Der Erkrankte soll seinen Infekt ja nicht im ÖPNV verbreiten.

Wie sieht es bei Ihnen mit dem für den Corona-Test nötigen Material aus?

Mielitz: In den ersten beiden Märzwochen hatten wir praktisch kein oder zu wenig Material: Die erforderlichen Abstrichröhrchen, Schutzmasken und Schutzkittel waren nicht oder zu wenig vorhanden. Mittlerweile hat sich die Situation etwas entspannt.

Man hört, dass derlei immer noch Mangelware ist...

Mielitz: Von den 20 Schutzmasken, die ich vor drei Wochen bestellt habe, wurden in der vergangenen Woche nur drei geliefert. Ich habe in verschiedenen Apotheken dann noch weitere 14 Masken bekommen. Schutzkittel konnte der Lieferant gar nicht mehr auftreiben. Hier mussten wir auf private Hilfsbereitschaft setzen. In meiner Praxis wurde auch schon das sehr knappe Desinfektionsmittel geklaut: Jemand hat die Flasche aus einem Spender im Labor mitgenommen. Die Vorräte an Desinfektionsmitteln für Hände und Arbeitsflächen reichen noch maximal 3 Wochen...

Sie haben in der vergangenen Woche auch einen Tag lang im Abstrichzentrum Freiburg an der Neuen Messe gearbeitet...

Mielitz: Ja, das war eine interessante Erfahrung. Dort testen Ärztinnen und Ärzte des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes zusammen mit freiwilligen Medizinern diejenigen, die mit einem Attest vom Hausarzt kommen, per Abstrich auf das Virus. Wir Hausärzte sind angehalten, Patienten dorthin zu schicken, damit ein Arzt mit guter Schutzausrüstung den Abstrich vornehmen kann.

Sie und Ihre Mitarbeiterinnen sind unmittelbar mit kranken Menschen beschäftigt. Wie schützen Sie sich?

Mielitz: Der Kontakt zu kranken Menschen gehört ja zu unserem Beruf. Aber natürlich ist ein bisher unbekanntes Virus eine besondere Herausforderung. Wir sind besonders vorsichtig und haben zusätzlich zu allen Hygienemaßnahmen eine Plexiglas-Abtrennung zwischen die Mitarbeiterin und den Patienten an der Anmeldung platziert. Im Baumarkt war Plexiglas in der vergangenen Woche schon Mangelware.

Gibt es etwas, das sie momentan unterlassen?

Mielitz: Da ich zur Risikogruppe gehöre, meide ich derzeit den Kontakt zu chronisch Kranken. Das ist eine Belastung für diese oft langjährig mit uns verbundenen Menschen, aber wir müssen derzeit leider darauf verzichten.

Viele Menschen befürchten, dass Medikamente knapp werden. Können Sie sie beruhigen?

Mielitz: Nicht unbedingt beruhigen, aber vor Fake News warnen. Derzeit sind wieder Gerüchte in Umlauf, die zu unbegründeten Hamsterkäufen führen.

Wie informieren Sie sich über die aktuellen Entwicklungen?

Mielitz: Wir haben eine sehr gute Informationsquelle: Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin schickt täglich Mails mit vielen praktischen Tipps für unsere Arbeit. Dafür bin ich sehr dankbar!

Welche Prognose stellen Sie für die weitere Entwicklung?

Mielitz: Das wird uns lange begleiten und wir werden es kaum vermeiden können, uns zu infizieren. Aber momentan müssen die Krankenhäuser vor einer Überlastung geschützt werden. Darum sind die aktuellen Maßnahmen sehr sinnvoll.

Gibt es auch positive Aspekte?

Mielitz: Diese Krise birgt auch eine großartige Chance für das soziale Miteinander: Wir sehen jetzt schon, wie solidarisch Menschen sich verhalten, wie sie sich kümmern und füreinander da sind. Es werden Hilfsangebote gemacht und besonders gefährdete Menschen in vielfältiger Weise unterstützt.

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