„Ein historischer Verlust“

In Zarten droht der Abriss der denkmalgeschützten Scheune am Landgasthof „Bären“ für ein Viersterne-Hotel

Vor 250 Jahren war Reisen höllenanstrengend – noch dazu, wenn der Weg durchs Höllental führte. Die bekannteste Reisende war am 4. Mai 1770 die 14-jährige Maria-Antonia, spätere Marie-Antoinette. Gemeinsam mit ihrer Mutter, der österreichischen Herrscherin Maria-Theresia, durchquerte sie auf ihrem Weg zur Vermählung mit Ludwig XVI. das enge Tal mit 57 Kutschen. Auch die „Bärenscheune“ in Zarten lag an ihrem Weg. Ihr droht der Abriss.Seit einiger Zeit ist diese Scheune auf dem Gelände des Familienanwesens der „Bären“-Wirte zum regionalen Thema geworden. Anlass ist der Plan des heutigen Inhabers, Thomas Steinhart – elfter Bärenwirt in direkter Erbfolge –, auf dem Areal ein Vier-Sterne-Hotel zu bauen und hierfür die Scheune zu opfern. Doch diese ist von historischem Belang. Keine einfache Situation.
Der Mann für derlei Fälle in der Region ist Willi Sutter. Seit mehr als 30 Jahren bemüht sich der in Neustadt geborene und mit seiner Firma Sutter3 in Freiburg ansässige Projektentwickler um die Restaurierung und behutsame Modernisierung historischer Gebäude mit erhaltenswerter Substanz. Nach erfolgreicher Restaurierung über 100 solcher Objekte weiß er: „Alle substanzschonenden Bauvorhaben sind mit der richtigen Technik preiswerter als ein Neubau.“ Insofern sei es durchaus möglich, eine gute Synthese zwischen Historie und Moderne zu schaffen.


Erhalt sinnvoll?
Die architektonische Besonderheit der um 1767 errichteten Bärenscheune besteht vor allem darin, dass sie in ihrer äußeren Gestalt und Größe an einen regionaltypischen Schwarzwaldhof erinnert, jedoch von Anfang an als reines Stall- und Scheunengebäude ohne Wohnteil erbaut worden war. Eigentlich untypisch für die damalige Zeit, doch angesichts der Nutzung als zu einem großen Gasthof gehörigen Wirtschaftsgebäudes sinnvoll.
Heute sei die Sinnhaftigkeit des noch 2015 in einer bauhistorischen Analyse bestätigten Erhalts umstritten, sagt der Freiburger bauhistorische Gutacher Stefan King. Er bezieht sich dabei auf ein externes Gutachten, das die Erhaltenswürdigkeit infrage stellt, seit diverse Eingriffe in die Holzkonstruktion vorgenommen und die Flankenmauer der Hocheinfahrt beschädigt worden seien. Dieser Einschätzung widerspricht Sutter, der stets um den Erhalt von Gebäuden kämpft, die unwiederbringlich verschwinden, wenn man sich nicht für sie einsetzt. Nicht immer gelingt das, doch die Bevölkerung ist aufgewacht und zunehmend sensibilisiert für erhaltenswertes historisches Erbe. Auch die Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild e.V. und Franz Asal vom Förderverein St. Johannes in Zarten plädieren für einen Erhalt der Scheune: „Das Scheunengebäude ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer seltenen Form eines ländlichen Bauensembles“, schreibt Joachim Scheck von der Arge.


Erfolgreiche Sanierung
Willi Sutter verweist derweil auf Objekte, die erfolgreich vorm Abriss gerettet werden konnten – darunter nach zweijährigen Verhandlungen auch der Meierhof an der Freiburger Kartaus: Obwohl das Gebäude jahrelang vernachlässigt worden war und ein Abriss so gut wie sicher schien, wurde es in letzter Sekunde gerettet und behutsam saniert. So konnten 85 Prozent der alten Substanz erhalten werden. Beispielhaft wie das alte Schulhaus in Haslach und der Waltershofener Farrenstall, der heute als Muster einer Begegnungsstätte gilt. Auch weitere Reisestationen der Marie-Antoinette haben Willi Sutter und sein Team schon vor dem Verfall gerettet. Das Hotel Adler-Post in Titisee-Neustadt, die Rainhofscheune und die Birkenhofscheune in Kirchzarten-Burg gehören dazu. Sie alle sind Zeitzeugen mit Wirkung in die öffentliche Diskussion um den Erhalt alter Bausubstanz. Willi Sutter ist sicher: „Der Abriss wäre ein historischer Verlust.“

Sigrid Hofmaier
Das geistliche Konzert „Exsultate, jubilate“ zum Jahrestag des Brautzugs der Marie-Antoinette vor 250 Jahren durch Zarten findet am Sonntag, 3. Mai um 16 Uhr in St. Johannes, Zarten, statt.

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