Die Wünsche der Stadtteile

Stadtentwicklung: Was sich Freiburgs Bürgervereine für 2020 vom Rathaus erhoffen

Im komplexen Gefüge einer Stadt sind die Bürgervereine eines der wichtigsten Mitspracheelemente. Aufgeteilt auf die einzelnen Stadtteile können die Bürger über diese Gremien Einfluss auf die Stadtteilentwicklung nehmen. Was treibt die Freiburger Bürger- und Stadtteilvereine 2020 um? Aus einer stichprobenartigen Umfrage des Wochenberichts ergibt sich ein vielschichtiges Bild. Den Stadtteil Stühlinger beschäftigte im vergangenen Jahr vor allem der Konflikt um nächtliche Ruhestörungen am Lederleplatz. Der zentral gelegene Platz wurde zum beliebten Treffpunkt für jüngeres Partyvolk – sehr zum Unmut einiger Anwohner, die sich um ihren Schlaf gebracht fühlten. Daniela Ullrich, Bürgervereinsvorsitzende im Stühlinger, wünscht sich daher, „dass die Anwohner wieder die Ruhe finden, die ihnen zusteht und es eine verträgliche Lösung gibt.“ Außerdem appelliert sie an die Stadt für den notorischen Brennpunkt Stühlinger Kirchplatz „endlich ein Gesamtkonzept“ zu entwickeln, statt „immer nur Einzelmaßnahmen“.
Von höchster Dringlichkeit und mit Auswirkungen auf die gesamte Stadt ist das, was der Bürgerverein Oberwiehre-Waldsee fordert und dabei vom Bürgerverein Littenweiler unterstützt wird: Die Verlängerung der Stadtbahnlinie 1 über Littenweiler hinaus bis zum Kappler Knoten. Dazu, so die Bürgervereine, müsse es ein Pendlerparkhaus mit bis zu 600 Plätzen und einer Leihfahrräderstation geben. Nur so könne der Verkehr auf der Straße entlastet werden. Dies müsse im Vorfeld des Großprojekts „Stadttunnel“ geschehen, da sonst der endgültige Verkehrsinfarkt drohe.
„Wir rechnen damit, dass das zeitnah beschlossen wird. Die Planung ist schon fertig und muss nur aus der Schublade gezogen werden“, sagt Hans Lehmann, Vorsitzender des Bürgervereins Oberwiehre-Waldsee. Der Wunsch konkurriert allerdings mit dem des Bürgervereins St. Georgen, der eine Stadtbahnanbindung zum dringlichsten Ziel erklärt hat.


Eine Rettungswache fehlt
Im Osten gibt es indes noch ein weiteres wichtiges Anliegen: „Wir brauchen dringend eine funktionsfähige Rettungswache. Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen kommen schon jetzt nicht mehr schnell genug durch – das gefährdet Menschenleben“, so Lehmann. Und dann treibt den Freiburger Osten auch noch ein gewaltiger Leerstand um: Während bei der ehemaligen Stadthalle verschiedene Nutzungskonzepte diskutiert werden, gammelt das Lycée Turenne seit 2002 vor sich hin. Immerhin geht es um rund 4.000 Quadratmeter Fläche. „Eine Sanierung samt schlüssigem Konzept ist überfällig“, so Lehmann.
Im Stadtteil Rieselfeld fokussiert sich der Bürgerverein vor allem auf die Mitsprache bei der Planung des neuen Stadtteils Dietenbach, der in direkter Nachbarschaft entstehen wird. „Allen hier im Stadtteil ist es ein großes Anliegen, dass wir möglichst viel vom Wäldchen zwischen uns und dem künftigen Stadtteil erhalten können“, sagt der erste Vorsitzende Andreas Roessler.
In Weingarten hat sich der Bürgerverein indes zum Ziel gesetzt, ein Konzept für eine Kampagne zur Imageaufwertung des Stadtteils zu entwickeln. „Darüberhinaus planen wir in diesem Zusammenhang auch einige Aktionen“, so der Bürgervereinsvorsitzende Hermann Assies, der sich zudem zum Ziel gesetzt hat, die Bürgerbeteiligung im Stadtteil zu verbessern.
Im benachbarten Haslach richtet sich das Augenmerk insbesondere auf die Infrastruktur: „Derzeit entstehen hier sehr viele neue Wohnungen. Dementsprechend wünschen wir uns, dass die Infrastruktur mitwächst“, erklärt Markus Schupp vom Lokalverein. Die Stärkung der Stadtteil-Infrastruktur treibt auch den Bürgerverein Mooswald um. Außerdem steht das neue SC Stadion im Fokus: „Wir wünschen uns konstruktive und ehrliche Gespräche bezüglich des Stadionverkehrs“, betont Ernst Lavori, der zweite Vorsitzende. Auch der Erhalt des Mooswalds habe oberste Priorität. Die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Stadtteilbewohnern sieht er als stark verbesserungswürdig an.
Der Blick des Bürgervereins Brühl-Beurbarung richtet sich derweil auf die Entwicklung des Güterbahnhof-Areals. „Wir haben dort die Entwicklung von sehr starker baulicher Verdichtung bei zu wenig Freiräumen. Da gilt es Lösungen zu finden“, erklärt Bürgervereinsvorsitzender Gerald Radziwill. Ganz oben auf der Wunschliste steht zudem ein Multifunktionshaus mit Quartiersräumen und einem Bolzplatz auf dem Dach.

Sorge vor zu dichter Bebauung

Im Stadtteil Herdern treibt viele Eltern die chronische Unterversorgung mit Kitas und Grundschulen um. „Hier muss dringend etwas passieren. Das Thema hat für uns höchste Priorität“, erklärt Bürgervereinsvorsitzender Christian Ledinger. Außerdem möchte der Bürgerverein an einem schlüssigen Konzept für die Verkehrsplanung Freiburg Nord mitarbeiten.
Der Bürgerverein Betzenhausen-Bischofslinde hofft, dass das umstrittene Baugebiet Obergrün in Betzenhausen weniger intensiv bebaut wird. 35 Reihenhäuser sollen dort entstehen. „Wir wünschen uns eine mildere Bebauung“, so Bürgervereinsvorsitzende Beate Diezemann, die mit ihrem Anliegen keineswegs alleine steht. Das Ansinnen, eine weniger dichte Bebauung in den noch verbliebenen Lücken zu verfolgen, treibt fast alle Stadtteilvereine um. „Bei der weiteren Bebauung wünschen wir uns mehr Sorgfalt und Bedacht“, sagt auch Ernst Lavori vom Bürgerverein Mooswald. Eine Aussage, die so aus fast aus jeden Stadtteil stammen könnte. Mit einem ganz anderen Ansatz geht indes der Bürgerverein Herdern ans Thema: „Wir wollen der Stadt anhand konkreter Brachflächen aufzeigen, wo gebaut werden könnte“, kündigt Christian Ledinger an.
In Betzenhausen-Bischofslinde genießen die Projekte Freibad West und zukünftige Nutzung der Gaskugel Vorrang, darüber hinaus beschäftigt die Bewohner, wie es mit der Umgestaltung des Betzenhauser Torplatzes und der angedachten Kappung der Sundgauallee im Zusammhang mit der Planung des Baugebiets Kleineschholz weitergeht. Im Stadtteil möchte man die Straßenführung so beibehalten wie sie derzeit ist.
Im Stadtteil Vauban stehen einzelne Infrastrukturmaßnahmen wie etwa die Neugestaltung des Dorfbachwegs an. Darüber hinaus freut man sich auf das Stadtjubiläum, bei dem die Bewohner die große Artenvielfalt des Modellstadtteils in einer Ausstellung präsentieren wollen.

Sven Meyer

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