„Langfristig raubt einem das die Luft“

Die Kunst, abzuschalten: Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft ohne Ruhezonen – Achtsamkeitstraining als Gegenmittel – Interview

Achtsamkeit wird oft als Heilsversprechen einer gelassenen Haltung und innerer Ausgeglichenheit beworben. Der Ansatz dahinter ist, die Gegebenheiten möglichst urteilsfrei wahrzunehmen und so auch den Herausforderungen des Lebens offen, ruhig und besonnen zu begegnen. Stefan Schmidt ist Psychologe an der Universitätsklinik Freiburg und forscht zu dem Thema. Im Interview mit Anna Henschel erklärt er, was Achtsamkeit von einem Besuch im Thermalbad unterscheidet, dass meditieren auch unangenehm sein darf – und warum es wichtig ist, Fünfe gerade sein zu lassen.

Herr Schmidt, warum streben heute so viele nach Ausgeglichenheit und innerer Ruhe?

Stefan Schmidt: Das hat viel damit zu tun, dass wir viele Aspekte unseres Lebens und jeden Freiraum einem Zweck unterstellen. Deshalb sind wir meist mit einem Ziel vor Augen unterwegs und im Erledigungsmodus. Das kann man zwar kurzfristig machen, langfristig raubt einem das aber die Luft, weil der Ausgleich für den Geist nicht mehr da ist. Dann entsteht das Bedürfnis nach Ruhe, Entschleunigung und Muße, also nach dem Sein statt Tun. Dieser Wunsch ist Ausdruck der Überdrehtheit der Kultur.

Was leistet Achtsamkeitspraxis, was andere Techniken der Entspannung nicht können?

Schmidt: Der Ausgangspunkt ist ja: Ich habe so viel zu tun, ich muss jetzt was für meine Entspannung tun. Damit habe ich aber einen Punkt mehr auf meiner To-do-Liste. Ich muss also einen Weg finden, aus dieser ganzen geistigen Figur auszusteigen. Und das ist das, was bei der Achtsamkeitspraxis passiert: Erstens, man richtet den Fokus auf das Gegenwärtige. So kommt man von der To-Do-Liste weg. Zweitens: Man spürt in den Körper rein: Das bringt einen in Kontakt mit der gespürten und erlebten Welt. Drittens, und das ist das Entscheidende, braucht es radikale Akzeptanz: Was auch immer gerade ist, ob gut oder schlecht, es darf erstmal so stehen bleiben. Denn durch das permanente Anders-haben-Wollen, im Guten wie im Schlechten, entsteht eine Differenz zu dem, was nun mal ist.

Was passiert, wenn wir das akzeptieren?

Schmidt: Das löst entweder ganz viel Tätigkeit aus oder ganz viel gedankliche Bewegung. Und um diese inneren Grübel- und Aktivitäts-phantasien zur Ruhe zu bringen, braucht es diese radikale Akzeptanz. Das führt dazu, dass man das Bedürfnis abmildert, dem hinterherzulaufen, was man gerade nicht hat oder nicht ist.

Radikale Akzeptanz klingt anstrengend…

Schmidt: Das ist auch nicht einfach. Dazu gehört nämlich auch, zu begreifen, dass dieser achtsame Zustand nicht unbedingt ein Glückszustand ist. Ganz viele denken: Ach Meditation, da setz ich mich hin, dann werde ich selig und glücklich, mein Geist wird leer und alles ist ideal. Gerade sich selbst gegenüber ist die radikale Akzeptanz eine Kunst. Wir leben in einer totalen Selbstoptimierungsgesellschaft, in der oft das Gefühl entsteht, nie zu genügen – meistens aber sich selbst gegenüber. Akzeptanz heißt hier, mich so anzunehmen wie ich gerade bin!

Der achtsame Umgang mit sich und seinem Umfeld scheint langfristig vielversprechend. Den Stress der Woche dürften die meisten aber eher kurzfristig mit Sport, Kino, Massage oder Thermalbad bekämpfen.

Schmidt: Ich finde auch, das kann man gut machen. Ein Problem, das ich auch an mir selbst beobachten kann, ist aber: Je unruhiger mein Erledigungs- beziehungsweise Funktionsmodus ist, desto schwieriger ist es, auch im Thermalbad zur Ruhe zu kommen. Wenn ich dort auch die ganze Zeit über meine Arbeit nachdenke und unruhig werde, weil ich nicht an die E-Mail kann, dann ist der Entspannungseffekt natürlich ein anderer als wenn ich die Welt um mich herum vergesse. Ob man abschalten kann oder nicht, liegt aber oft nicht im eigenen Ermessen. Aus dem Buddhismus kommt die Erkenntnis: In dem, was ich meinen Geist trainiere, das produziert er auch. Trainieren wir ihn in Unruhe, wird er unruhig. Mit Achtsamkeit kann man seinen Geist darin üben, öfter Mal zur Ruhe zu kommen.

Wie kann es gelingen, gerade in einer herausfordernden Situation achtsam zu sein?

Schmidt: Die große Kunst ist jetzt, in diesem Moment sich seiner Übungspraxis gewahr zu werden: Jetzt setze ich mich erstmal hin, spür kurz in meinen Körper, schnauf einmal durch und lese ich die E-Mail ein zweites Mal. Das gelingt ein Stück weit nur aus einer Gewohnheit heraus, die mit der Übungspraxis kommt. Daher ist es auch sinnvoll, Achtsamkeit nicht nur in Ruhe zu Hause zu praktizieren, sondern auch in die Arbeit reinzubringen, nämlich dort, wo Arbeitsprozesse eine beschleunigende Wirkung haben. Da helfen auch kleine Routinen und Rituale wie kurz eine Minute Stille oder einfach mal achtsam den Gang runtergehen.

Was würden Sie jemandem empfehlen, der damit noch keine Berührung hatte, aber neugierig geworden ist?

Schmidt: Dem würde ich raten, einen sozialen Rahmen zu nutzen und in einer Gruppe zu üben. Der Erfahrungsaustausch mit anderen ist am Anfang ganz wichtig. Man kommt nämlich schnell in Bereiche, in denen man verunsichert ist. Menschen denken dann oft, mit ihnen stimmt etwas nicht, wenn die Gedanken in Stille laut werden. Dann ist es wichtig, zu erkennen, dass andere das ganz ähnlich erleben.

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