Die Herzen erobert

Gegenüber der Vorsaison hat der SC Freiburg einen entscheidenden Schritt getan und erntet derzeit die Früchte

Am Ende des Jahres darf sich der SC Freiburg über viel Anerkennung freuen. So sagte Bayern-Spieler Serge Gnabry, dass er sich gerne Spiele des SC Freiburg anschaue. Und die Süddeutsche Zeitung sieht im SC „die Mannschaft der Hinrunde“. Sie lobt „Christian Streichs kleine, lästige Armee“.
Lästig, giftig, eklig – das sind die Attribute, die die Bundesliga-Konkurrenz mit den Breisgauern assoziiert. Im Vergleich zur Vorsaison ist die Mannschaft von Christian Streich einen entscheidenden Schritt stabiler geworden. In der Saison 2018/19 noch leistete sich das Team bedenkenswert hohe Niederlage gegen direkte Konkurrenten wie Augsburg (1:4) oder Hannover (0:3). Von solchen blutleeren Auftritten ist der SC derzeit weit entfernt. Wirklich enttäuscht hat Freiburg nur gegen die Hertha, als es dem SC nicht gelang, das passive Spiel der Berliner mit eigenen kreativen Ansätzen auszuhebeln.


Top: 26 Punkte
Davon abgesehen hat Freiburg die Herzen der Fans im Sturm erobert. Sogar die auf dem Papier am Ende deutlichen Niederlagen gegen Borussia Mönchengladbach (2:4) und Bayern München (1:3) waren alles andere als eindeutig – in beiden Spielen hätte der SC als Sieger vom Platz gehen können.
Unterm Strich konnte der SC mit Platz acht und 26 Punkten (7 Siege, 5 Remis, 5 Niederlage) sein Soll übererfüllen. Es zahlt sich aus, dass die wichtigsten Leistungsträger im Sommer beim Sportclub geblieben sind. Nur Florian Niederlechner verließ den Verein und verzückt jetzt den FC Augsburg mit seinen Toren (acht Mal traf er dort schon).
Beim SC ist gleich eine ganz Reihe von positiven Entwicklungen zu beobachten: Der Mann der Hinrunde ist Lucas Höler. Mit vier Toren und vier Vorlagen ist er Freiburgs Topscorer. Mit unermüdlicher Laufarbeit stört er das Aufbauspiel der Gegner und kommt selbst zu Abschlüssen. Auch Neuzugang Jonathan Schmid hat sich bei seinem Freiburg-Comeback schnell als Rückhalt erwiesen. Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass der SC bei Standardsituationen wieder gefährlicher geworden ist. Und Freiburgs Goalgetter Nils Petersen bleibt trotz einiger Schwächephase der Torgarant schlechthin: sieben Treffer hat er auf dem Konto.
Dass beim SC nicht alles wie geschmiert läuft, zeigt die Rückkehr von Vinzenco Grifo. Kurz vor Transferschluss hatten die Breisgauer den Deutsch-Italienier nach seiner Leihe im Frühjahr endgültig aus Hoffenheim zurückgeholt. Doch Grifo hatte Startschwierigkeiten. Streich ließ den mutmaßlich teuersten Einkauf der Klubhistorie lange nur auf der Bank sitzen. Statt Heilsbringer war Grifo plötzlich Reservist. Die Konkurrenz macht es einfach besser. Dann bremste ihn auch noch eine Drei-Spiele-Sperre aus dem Aufregerspiel gegen Frankfurt aus. Doch bei seinem Comeback gegen Bayern München und gegen Schalke (je ein Tor) war Grifo dann wieder ganz der Alte.
Geschichten wie diese gibt es viele aus dem SC-Kader, der mit 29 Akteuren eigentlich viel zu groß ist. Doch immer wieder bieten sich Spielern unverhoffte Einsatzchancen. So wie Torhüter Mark Flekken, der den verletzten Alexander Schwolow bereits neun Spiele in Folge bravourös vertritt. Zuletzt machte Einwechselspieler Changhoon Kwon beim 2:2 auf Schalke Werbung in Eigensache. Die Spieler treiben sich gegenseitig an. Dazu gibt es kaum Verletzungen zu beklagen. Auch so ist der Erfolg zu erklären.
Die Aussichten für 2020 sind nicht weniger rosig: Luca Waldschmidt dürfte nach seiner schlimmen Gesichtsverletzung bald zurück im Mannschaftstraining sein. Ein klares Signal dafür, dass die anhaltend gute Arbeit im Breisgau Früchte trägt, ist Waldschmidts erstmalige Nominierung in die A-Nationalmannschaft sowie die von Innenverteidiger Robin Koch. Der SC macht zurzeit einfach vieles richtig. Die nächste Lobeshymne lässt da bestimmt nicht lange auf sich warten.

Matthias Joers

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